Izzo-Krimis Das G-Stone Book
 Murakami - 100%ige M.  Disco 2000
 Sibylle Berg  Und die Eselin sah den Engel
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Pack – das Magazin – #1 Fußball
Torben (13.07.2004)


Wenn 24 Stunden mal wieder entschieden zu wenig sind, Episode VIII...

Mal ehrlich, für Reviews habe ich 3 Wochen vor dem Interference Festival eigentlich echt keine Zeit, aber was soll man machen, wenn eben genau jetzt in dieser Stadt Dinge ihren Lauf nehmen, die wirklich beachtens- und besprechenswert sind?
Hier also einige Bemerkungen zu dem teilweise großartigen, teilweise – hmm.. sagen wir mal – verbesserungsfähigen PACK-Magazin.


Schon vor einigen Wochen erreichte mich die Nachricht von einem neuen Magazin-Projekt, das die Arbeit für die erste Ausgabe aufgenommen hätte. Das Magazin sollte PACK heißen und die erste Ausgabe würde das Thema Fußball behandeln. Als nach und nach bekannt wurde, wer sich alles hinter dem vielversprechenden Projekt verbarg, förderte das meine Erwartungshaltung ungemein. Neben Kommunikationsdesignern & Schön-Schreibern fanden sich die Namen der üblichen Verdächtigen der lokalen Kulturverdachtsanstalten.

Die hohen Erwartungshaltungen wurden dann zunächst, beim ersten Betrachten des Magazins, erst mal übertroffen. Eine wahnsinnige „Verpackung“ (was eigentlich die falsche Bezeichnung ist, Verpackung klingt ja eher nach Müll), und innen drin ein fantastisch gestaltetes Magazin. DAS hätte ich nun wirklich nicht erwartet.

Ich hatte mir die ganze Sache weitaus „trashiger“ vorgestellt, mit weniger Aufwand produziert, mit mehr Sorglosigkeit vielleicht. Statt dessen blättere ich nun in einer #1, die derart SORGFÄLTIG gemacht ist, dass ich mich frage und wundere, wie die Pack-Mädchen und –Jungs dieses Niveau halten bzw. überbieten wollen. Da ich jedoch schon einmal von denen überrascht wurde, mache ich mir ums 2. Mal aber eigentlich gar keine Sorgen.

Was mir zunächst, beim ersten Blättern in der Dämmerung des beginnenden Pack-Festes auf dem Uni-Parkdeck ins Auge fiel waren die schönen Grafiken und das großartige Layout von Sebastian Müller. Sehr oldschool und irgendwie eben doch nicht. Sehr eigenartig im positiven Sinne von: „seine-eigene-ART die Dinge zu gestalten“. Schön, wirklich.
Ganz schön auch die gestalterischen Einzelbeiträge. Das schaut man gerne an. Gerne auch 2 Mal und mehr. Genauso wie das hübsche Poster im schönen Hochformat von Lars Lennhardt, das jetzt meine Wand ziert. Toll auch der Aufkleber. Und die CD. Die ist sogar mehr als toll. Vor allem wegen Lied #3 „Gott ist rund“ von Subkontext. Ein Ohrwurm. Ein Lofi-Hit!
„Gott hat mir gesagt, dass er mich mag.“ Wer solche Texte so singt, hat einen festen Platz in meinem Herzen.

Alles toll soweit also. Bevor diese Review jedoch vor zuviel Lob ungenießbar zu werden droht, will ich doch noch etwas Kritik üben, und zwar vor allem an dem Text-Teil des Magazins. Dass mich das Herman Hesse-Zitat im Geleitwort doch etwas schockiert hat, soll hier zwar nicht ausführlicher dargelegt, so doch zumindest erwähnt werden. „Jedem neuen Anfange wohnt ein Zauber inne.“ Das kann ich nicht bestätigen. Verkitschung von Lebensprozessen und so ....mag ich nicht.
Aber abgesehen von solchen Details halte ich den Text-Teil im Generellen für etwas zu kurz geraten. Auch fand ich einige der Texte nicht sonderlich originell, manche wenige sogar durchaus überflüssig. Was natürlich nicht heißen soll, dass sich keine guten Texte im Magazin befinden. Dem ist nicht so. Die gibt es. Aber ich will mehr davon. Die Argumentation, dass es sich beim Pack in erster Linie um ein Gestaltungs-Magazin handle, will ich nicht gelten lassen. Auch in Gestaltungsmagazinen will ich gute, kurzweilige, interessante, originelle Texte lesen. Oder gar keine, was ja durchaus auch eine Option wäre (die schlechtere allerdings, wie ich finde).
So, insgesamt ein tolles Magazin mit viel Potential. Es erfreut mich sehr. Ich kann es empfehlen. Wer noch keines hat, der muss hoffen, dass es noch welche gibt und setze sich am besten in Verbindung mit Sebastian Müller (der_halunke@web.de) oder Bert Binnig (bbinig@conactor.com).


Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt
Jelena (30.03.2004)
Überall hörte ich Murakami hier, Murakami dort, Murakami in aller Munde, vor allem in dem der lesenden Coolen und Hippen. Als Modeerscheinung abgetan war ich zunächst skeptisch. Doch als ich ein Buch des Japaners Haruki Murakami in die Hände bekam und es las - ich habe mir viel Zeit gelassen, das Buch erschien bereits 1995 - war ich zugegebenermaßen beeindruckt. Eine Modeerscheinung ist diese wunderbare Literatur voller Phantasie und ausgeklügelter Erzählkunst bestimmt nicht und ich schäme mich fast schon für mein Schubladendenken, denn in diesem Falle war es schlichtweg falsch.

Der vor allem bei der jüngeren Generation Japans beliebte Schriftsteller Murakami lässt den Leser in Hard-boiled Wonderland in eine seltsame Welt eintauchen, in der ein Krieg um geheime Daten zwischen dem System, der Fabrik und den sogenannten Schwärzlingen, die in den dunklen und trostlosen Tunnelsystemen Tokyos leben, herrscht. „Das System“ entwickelt immer ausgefeiltere Verschlüsselungsmethoden, um Daten zu schützen, hinter denen „die Fabrik“, eine Art Datenmafia, her ist. Inmitten dieser Konstellation bewegt sich der namenlose Held der Geschichte, ein professioneller Datenwäscher. Er ist der einzige Überlebende eines Experimentes, bei dem einer Gruppe von „Shufflern“ - so werden die Datenwäscher genannt - im Gehirn rumgepfuscht wurde. Da er der einzige Überlebende ist, scheint etwas an ihm anders zu sein, als bei allen anderen.
Der gehirnmanipulierte Ich-Erzähler gerät in obskure Situationen und kommentiert diese mit einer ironischen, selbstverständlichen Gelassenheit und Pragmatik, die mich oft schmunzeln ließ (was selten der Fall ist). Dieser erfrischende und trockene Humor, der so ganz nebenbei eingestreut erscheint, hat mich wirklich amüsiert. Alltägliches und Nebensächliches steht gleichberechtigt neben Phantastischem und Obskurem. So bekommen philosophische Gedankenspiele über Büroklammern, Sex mit dicken Frauen oder die Wichtigkeit eines guten Sofas dieselbe Gewichtung wie die Fähigkeit des genialen Professors, den Ton in der Alltagswelt auszuschalten oder die Tatsache, dass unter der Erde hasserfüllte Schwärzlinge in völliger Dunkelheit leben.
Parallel wird eine zweite Geschichte erzählt, die obwohl in ihr keine seltsamen Schwärzlinge und verrückte Professoren vorkommen, viel surrealer ist. Das mag daran liegen, dass es in dieser hermetischen Wirklichkeit keine Bewegung, kein Raum-Zeit-Verhältnis gibt. Es ist ein seltsamer Ort, an dem der eigene Schatten an der Stadtmauer abgegeben werden muss und eingesperrt wird, bis er stirbt. Aus der Stadt gibt es keinen Ausweg - wer einmal in ihr ist, kann sie nie wieder verlassen. An diesem ereignislosen Ort gibt es keinen Schmerz, keinen Hass, auch keine Begierden und kein Glück. Solange sich niemand gegen die Gesetze wehrt, gibt es nichts Böses, es gibt nur eine Welt voll seelenloser Menschen und toter Schatten.
Diese beiden Geschichten haben scheinbar nichts miteinander zu tun, erst nach etwa der Hälfte des Buches bekommt der Leser eine Ahnung davon, was beide Welten miteinander verbindet. Der Ursprung aller Wirklichkeitswahrnehmung und Erkenntnis - das menschliche Bewusstsein – ist der Schlüssel zur Verbindung beider Erzählstränge- und beider Wirklichkeiten. Mit der Frage nach dem menschlichen Bewusstsein drängt sich auch das Thema der eigenen Identität und somit auch der Individualität auf.
Es geht in Murakamis Buch letztlich – entgegen der Tradition Japans - um das Individuum und um den Menschen in einer Gesellschaft, die sicherlich nicht nur in Tokyo zu einer menschenfeindlichen Umgebung geworden ist. Identität ist wesentlich bestimmt von unseren ganz persönlichen und gesellschaftlich, kulturell bedingten Erfahrungen, die sich in unserem Bewusst- und im Unterbewusstsein 'ablagern'. Doch was geschieht, wenn ein genialer oder verrückter Professor aus wissenschaftlicher Neugier im Bewusstsein des Protagonisten herumspielt und eine Art black box ins Gehirn implantiert? Es gerät einiges durcheinander.

Murakami ist ein Meister der Erzählkunst. Nichts ist Zufall, alles ist bis ins kleinste durchdacht und auf geniale und komplexe Art und Weise miteinander verknüpft. Der Genuss beim Lesen ist, neben der ironischen und originellen Gedankenwelt des Protagonisten, die Entschlüsselung der Ungereimtheiten, die sich nach und nach ausbreitende Erkenntnis, worum es in dieser Geschichte eigentlich geht.


Brett Easton Ellis - Die Informanten
magensaeure (28.08.2002)

Schon nachdem ich B.E. Ellis` "Glamorama" verschlungen hatte, juckte es mich in den Fingern. Wenn ich diesen Wälzer schon dem lesenden Teil meines Freundeskreises wärmstens an Herz legte, wäre auch eine Review drin gewesen. Letzten Endes vor dem weissen Word Dokument sitzend, erschien es mir dann aber zu gleichen Teilen zu komplex und zu simpel. Befremdlich.
Nun fiel mir vor kurzem "Die Informanten", des durch "American Psycho" zu Ehren gekommenen Autors in die Hände und wieder konnte ich es kaum aus der Hand legen, -in den Bann gezogen von der Dekadenz, der ausschweifenden Gewalt, den Drogen, dem Sex, der zwischen den Buchklappen lauert. Man darf wohl behaupten, dass Ellis sich die voyeuristischen Tendenzen seiner Leser zu nutze macht; - wieder sind seine Figuren reich, berühmt, schön und vor allem abgewrackt.
Während Glamorama rund um die Model- und Modewelt kreiste, bewegt sich "Die Informanten" im reichen Beverly Hills, um den Rodeo Drive, um Produzenten, Stars und Sternchen, in der Fassade des unwirklichen Hollywood. Aber Abonnenten von Boulevard Magazinen werden an diesem Buch keine Freude haben. Zu schonungslos ist Ellis in seinen Szenarien, zu viel verlangt er seinem Leser ab. Zwölf sehr lose miteinander verknüpfte Geschichten halten zwischen zerrütteten Beziehungen, Prostitution, Entführung und Folter, bis blutsaugenden Nachtgestalten einiges an Brutalität bereit.
Uppers und Downers nehmen sie eh alle, manche auch Kokain oder was so zur Verfügung steht. Die Verlierer wie die Gewinner: ohne Drogen scheint keine von Ellis` Figuren überhaupt lebensfähig, das naive Starlet, die verbitterte Millionärsgattin, der arrogante Star. Alle haben Leichen im Keller und kleine Jungs fickt im L.A. des Autors scheinbar sowieso jeder als Hobby.
Wie auch im Vorgänger-Roman streut Ellis in dieses gleichermaßen widerliche und faszinierende Bild surreale, fantastische Elemente. Während in Glamorama der Protagonist ständig von einem Kamerateam begleitet wurde, von dem man nie so recht wusste, ob es real, oder seiner Imagination entsprungen ist, besetzen in seinem neuen Buch die Vampire diese Position. Mitten in diesem zwar völlig überzogenen, aber noch glaubwürdig wirkenden Handlungsrahmen, bewegen sich plötzlich Draculas Enkel in der High Society Kaliforniens. Vielleicht doch so etwas wie ein sozialkritischer Seitenhieb auf die blutsaugende Filmbranche Hollywoods? Ich weiß nicht...
"Die Informanten" beschreibt eine bittere Welt voller verkommener Kreaturen, der moralischer Zeigefinger hält sich dabei angenehm bedeckt, die Unterhaltung steht im Vordergrund. Frei nach dem Motto "There`s no buisness like showbuisness".


China Miéville: Perdido Street Station
Stino (02.05.2002)

Trivialliteratur - unendliche Weiten. China Miéville beschreibt Welten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Nicht in der Fantasy und auch sonst nirgends. Dennoch kommen sie einem merkwürdig/unangenehm bekannt vor.
Ich tu mir ja nun seit Jahren schwer mit dem Genre Fantasy. In der Regel wird mit jedem neuen Buch nur der gleiche alte stereotype Quatsch mit den edlen Elfen, den grummeligen Zwergen und den bösen Orks oder wie auch immer dieses Kanonenfutter in dem jeweiligen Schinken genannt wird, verbraten. (v. http://runagate-rampant.netfirms.com/books/on_world_building.shtml) Man bekommt den Eindruck, daß das Gros der Fantasyleser keinen Wert auf Originalität legt oder diese vielleicht gar ablehnt. Um so erstaunlicher finde ich, daß es einer wie China Miéville mit einem einzigen Buch schafft, eine derartige Fangemeinde aufzubauen, daß es im Internet gleich mehrere Fansites zu besuchen gibt (die im Übrigen nicht mal schlecht gemacht sind/interessanter Kerl...).

"Perdido Street Station" ist also eine Geschichte weit weg vom sog. Mainstream. Und darüber hinaus ziemlich "gothic". Miéville beschreibt einen Moloch von einer Stadt (was mich an diesem Satz aufregt, ist die Tatsache, daß er genauso im Klappentext der deutschen Ausgabe von PSS steht. Ich hab ihn da aber nicht abgeschrieben. Ehrlich! Ein Zeichen dafür, wie gut der Satz passt?). New Crobuzon ist eine alptraumhafte Metropolis voller fremdartiger Wesen, voller Schmutz, mechanischer und thaumaturgischer Bizarrerien, voller Ungerechtigkeit und gnadenloser, sadistischer Gewalt. Die Adjektive fliegen mir nur so zu, wenn ich versuche zu umreißen, was der Autor einem zumutet. Selbst mit der Einordnung in ein Genre tut man sich schwer. Verkauft wird Miéville von Bastei Lübbe ja nun als Fantasy und das Wort "Steampunk" fällt häufig in Kritiken. Genausogut passt er aber ins Horrorgenre. Die Nähe zu Lovecrafts Traumlanden fällt ins Auge. Wie auch dort, sind Fremdwesen wirklich fremd - alien. Mich erinnert das Setting an "transmetropolitan" von Warren Ellis und Darick Robertson. Man kann jede Menge weiterer Einflüsse finden, ohne daß man das Gefühl bekommt, Miéville hätte irgendwo abgeschrieben. Klischees werden nie bedient, sondern, wenn sie überhaupt einmal aufgegriffen werden, gebrochen, um einen neuen Blick auf das Bekannte zu ermöglichen.
Handlung - ja, Handlung hat das Buch auch. Ein Fremder, ein Vogelwesen namens Yagharek, sucht einen brillianten und ziemlich durchgeknallten Privatgelehrten, Isaac dan der Grimnebulin, auf. Der Vogelmann bittet ihn, ihm die Fähigkeit des Fliegens wieder zu ermöglichen. Als Bestrafung für ein nicht näher spezifiziertes Kapitalverbrechen hat man ihm die Flügel abgesägt. Grimnebulin stürzt sich in die Arbeit, angespornt durch das Gold des Vogelmannes und schieren Wissensdrang und löst im Zuge seiner Forschungen unwissentlich eine Katastrophe aus, die New Crobuzon zu vernichten droht. Mit allen Mitteln versucht Grimnebulin, das Unheil abzuwenden.
Restlos faziniert hat mich die wechselnde Erzählperspektive. Zwischen die aus verschiedenen Blickwinklen erzählte Handlung schieben sich immer wieder die Schilderungen und Kommentare des Vogelmannes, der als Fremdling eine eigene, teils eigenartige, in der Regel geschraubt formulierte Sichtweise beisteuert.
Zur Warnung: Das Buch hat eines der gnadenlosesten unhappy endings, die ich bisher zu verdauen hatte. Und ich bin dankbar dafür. Alles andere hätte nämlich nicht gepaßt zur düsteren Stimmung der Geschichte. Miéville wählt den denkbar grausamsten Weg, das Leben seiner Protagonisten zu zerstören: Er zerstört ihre Persönlichkeit oder die ihrer Liebsten. In diesem Zug ist Miéville ähnlich brillant wie John Banville in "Der Unberührbare". Die deutsche Übersetzung soll nach einem Gewährsmann, der sich mit sowas auskennt, brilliant sein. Ich kann aus erster Hand dazu nicht viel beisteuern. Ich haben das Buch im englischen Original gelesen und kann nur sagen, daß Stil und Wortschatz zum schwierigsten gehören, was ich im Englischen je gelesen habe, allerdings genau das lohnt sich auch dabei. Miéville schreibt stilistisch herausragend.
Die Lektüre unterstüzende Musik: Arvo Pärt - litany, Stravinski - pulcinella, godspeed you black emperor, silver mount zion memorial band oder mogwai. Auch "vide cor meum" aus dem Hannibal-soundtrack. Dazu empfiehlt sich schwerer kalifornischer Rotwein. Aber wozu empfiehlt der sich nicht?


Daniel Clowes - "David Boring"
Stino (04.04.2002)

Warum "David Boring" mich nicht langweilt

"David Boring" ist ein Comic von Daniel Clowes. Daniel Clowes ist der Mann, der den Comic "Ghost world" gemacht hat, aus dem ein anderer Mann in Hollywood den Film "Ghost world" gemacht hat.

Und irgendwo in der Nähe von "Ghost world" steht also "David Boring". David ist Enid Coleslaw nur um einen Schritt voraus: Er ist schon in den Bus gestiegen und hat den Ort seiner Kindheit hinter sich gelassen. Aber er hat seine lesbische Freundin Dot mitgenommen, seine Träume vom Filme machen und seine Ängste natürlich auch. Er lebt in einer anderen Stadt, verdient sein Geld als Wachmann und schleppt abends Mädchen ab. Auf dem Weg zur Beerdignung eines Freundes trifft er Wanda Kraml, die Frau, die seinem Ideal von einer Frau am nächsten kommt. Er bemüht sich mit aller Macht darum, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, aber sie ist mehr als seltsam und läßt ihn schließlich abblitzen. Obsessiv versucht er, sie weiterhin zu sehen und wird eines Nachts von einem Unbekannten in den Kopf geschossen. Als er wieder aufwacht, befindet er sich in der Obhut Dots und seiner ihm verhassten Mutter auf einer abgelegenen Insel im Lake Michigan auf der sich ein großer Teil seiner weit verzweigten Familie aufhält. Es gibt ein Gerücht von einem terroristischen Biowaffenangriff und mehrere Todesfälle unter den Bewohnern. Nach und nach desertieren die Überlebenden und als einer der letzten verläßt auch David die Insel. Auf dem Festland versucht er ein geregeltes Leben aufzubauen, versucht, ein Drehbuch zu schreiben und lebt mit einer jungen Intellektuellen zusammen. Es herrscht eine diffuse Endzeitstimmung. David findet eine Spur der verloren geglaubten Wanda und lüftet dabei das Geheimnis um seinen Attentäter. In der Zwischenzeit zerbricht seine Beziehung. Weniger an den Unzulänglichkeiten der Partner, als vielmehr an der allgemeinen Untergangspanik. Die Polizei will ihm einen Mord anhängen, aber Dot schießt ihn frei. Dabei wird er ein zweites Mal in den Kopf getroffen und von Dot abermals auf die Insel verfrachtet. Dort finden er und Dot so etwas wie Frieden und obwohl alle mit einem baldigen Weltende rechnen, ist David endlich glücklich.

Der Zeichenstil von Daniel Clowes erinnert an den von Charles Burns, ebenso das Setting, obwohl Clowes die Probleme seiner Protagonisten im alltäglichen Bereich beläßt, statt sie ins groteske zu übersteigern. An literarischen Parallelen fallen mir spontan nur Brautigan und Murakami ein, bei letzterem speziell "Hardboiled Wonderland". Der Klappentext der amerikanischen Ausgabe von "David Boring" zitiert eine Kritik aus "time", die den Comic als "hillariously funny" klassifiziert. Ich kann das in keiner Weise nachvollziehen. Für mich ist "David Boring" einer der melancholischsten Comics, die ich kenne, wenn auch einer der poetischsten und schönsten.


Neal Stephenson - Cryptonomicon
Valerian (18.10.2001)

Neal Stephenson schreibt jene Bücher, um die sich dann der Freundekreis in der Frage prügelt, wer das Buch als nächster lesen darf. Der zurückgezogene Autor wurde mit seinem Cyberpunk-Roman "Snowchrash" bekannt und glänzte gegenüber dem bekannteren aber beliebigeren William Gibson ("Neuromancer", "Idoru") durch glänzende Beschreibung zukünftiger Technologien und bewies in meinem Lieblingsbuch "The Diamond Age" einen treffenden und faszinierenden Ausblick auf die Zukunft der Nanotechnologie. Neal Stephenson ist ein Autor, der begriffen hat, dass Science Fiction nicht ein Phantasieren von Zukunftswelten gepaart mit minderen literarischen Fähigkeiten ist, sondern dass aktuelle Tendenzen in der Forschung und soziologischen Entwicklung zu erkennen sind und in einem Roman konsequent mit Blick für reale menschliche Bedürfnisse weiterentwickelt werden. Darüberhinaus beweist Neal Stephenson, -vor allem mit "Crytonomicon", dass er mittlerweile zu den großen Romanciers Amerikas zählen kann. Seine Art zu schreiben, erinnert ein wenig an Thomas Pynchon ("Vineland", "Das Ende der Parabel") oder T.C. Boyle ("Grün ist die Hoffnung", "Willkommen in Wellville").
Mit "Cryptonomicon" verlässt Neal Stephenson das Korsett des Cyberpunk-Stigmatas und wendet sich zurück in der Menschheitsgeschichte in eine Zeit, in der Science Fiction auf schreckliche Weise alltäglich war: "...Der glänzende Mathematiker Lawrence Waterhouse, ein außerordentlicher Kryptoanalytiker, und der übereifrige, morphiumsüchtige Bobby Shaftoe von den US-Marines sind die Protagonisten des Romans. Sie gehören zum Sonderkommando 2702, einer Alliiertengruppe, die versucht, die Kommunikationskodes der Achsenmächte zu knacken. Gleichzeitig ist sie bemüht zu verhindern, dass der Feind dahinter kommt, dass ihre eigenen Kodes bereits geknackt sind. Unter dem Strich besteht ihre Aufgabe aus einer Täuschung nach der anderen. Dr. Alan Turing, der ebenfalls zum Sonderkommando 2702 gehört, erklärt Waterhouse die seltsame Arbeitsweise der Einheit: "Wenn wir einen Konvoi versenken wollen, schicken wir erst ein Beobachtungsflugzeug hinaus... Das Observieren ist natürlich nicht seine eigentliche Aufgabe -- wir wissen schon längst, wo sich der Konvoi befindet. Seine eigentliche Aufgabe besteht darin, selbst beobachtet zu werden... wenn wir dann kommen, um sie zu versenken, schöpfen die Deutschen keinen Verdacht." (Text zitiert aus Amazon.de). Stephenson versteht es, geschickt mehrere Handlungsstränge und Zeitebenen (so spielt ein Teil des Buches in der Gegenwart) in "Cryptonomicon" zu verfolgen und sie gegen Ende mteinander zu verknüpfen. Das erzeugt eine unglaublich Dichte und Informationsfülle, die es problemlos erlaubt seitenlang detailliert auf mathematische Probleme der Kryptoanalyse oder das Für und Wider in der Diskussion um moderne Betriebssysteme einzugehen. Gleichzeitig ist "Cryptonomicon" unglaublich spannend, intelligent im Detail und äusserst witzig. Man ist fast traurig, wenn das wochenlange Lesen (immerhin 1.170 Seiten) irgendwann zu Ende geht. Diese Woche ist endlich die deutsche Übersetzung des lange nur im englischen Orginal erhältlichen Romans erschienen, doch empfehle ich jedem, der halbwegs mit englischen Romanen zurechtkommt, "Cryptonomicon" im Orginal zu lesen. Die Sprache ist einfach fetter und auch der Witz erscheint mir über Strecken nur schwer ins Deutsche zu übersetzen. "Cryptonomicon" ist das beste Buch, was ich seit langem gelesen habe und ich rate jedem Datababe-Leser dieses Buch, -neben Stephensons anderen Werken, mal anzugehen.
Es lohnt sich...großes Ehrenwort !


Jean-Claude Izzo - Total Cheops, Chourmo, Solea (alle im Unionsverlag)
palomo (9.10.2001)

Ein linker Bulle in Marseille gegen den tödlichen Scheißdreck aus Verrat, Korruption, Wirtschaftskriminalität, Drogen und Front National, kurz Mafia. Das ist die Marseille-Trilogie. Drei Bücher, drei Krimis, drei Kracher voller Wut, zunehmender Verzweiflung und Poesie.
"Realismus. Für mich diente dieses Wort nur dazu, moralische Bequemlichkeit, schäbiges Handeln und mickrige Unterlassungen zu rechtfertigen, wie sie die Menschen jeden Tag begingen. Realismus war auch die Dampfwalze, die es denjenigen, die in dieser Gesellschaft Macht oder auch nur Teile davon besaßen, erlaubte, alle anderen zu zermalmen."
Mit diesen Gedanken positioniert Jean-Claude Izzo seine Hauptfigur Fabio Montale klar als einen, der sich seine Träume nicht nehmen lässt. Montale ist einer, der gegen die bestehenden Verhältnisse aufbegehrt, nur noch seiner eigenen Moral vertraut und selbst dann nicht aufgeben kann, wenn er es will.Montale lebt, liebt und leidet in Marseille. Seine und wohl auch Izzos Leidenschaft für Essen, Wein und Musik und die damit verbundenen Augenblicke voller Freundschaft, Wärme und Vertrauen werden zunehmend seltener und flüchtiger. Angst, Schmerz und Verlust breiten sich aus und treiben Montale in ein Leben weit jenseits des Erträglichen. Sukzessive werden Montales Freunde und Frauen ermordet oder sie hauen ab. Am Ende bleiben ihm nur noch Honorine und Fonfon, seine alten Nachbarn, als Relikte aus einem besseren Leben. Montale ist überfordert, machtlos und ein Held. So sieht es auch die gute alte Tante SPEX, die dazu schreibt:"Helden schaffen. Politisch denkende Figuren, die sich zwischen Ideologie und Überzeugung und Alkoholismus mit ziemlich klarem Blick einen Weg bahnen, der keiner Moral außer der eigenen folgt." (Annett Busch in SPEX 09/01). Montale kapiert die tödlichen Machenschaften, begehrt dagegen auf und schert sich einen Dreck um die Konsequenzen. Aber er ist zu langsam. Bis er verstanden hat, stirbt schon der nächste Freund, verlässt ihn schon die nächste Frau. Und wenn er versucht, sich rauszuhalten und weg zu schauen, dann akzeptieren das weder Freund noch Feind. Das Leben entgleitet ihm, obwohl er richtig handelt und kämpft, was das Zeug hält."Total Cheops", "Chourmo" und "Solea" haben mich begeistert und tief berührt. Izzo schreibt leidenschaftlich über seine Menschen und seine Stadt Marseille und weckt die Sehnsucht nach Liebe. Seine Bücher duften nach irgendetwas, was das Leben ausmachen sollte. Das sind solche Bücher, von denen ich will, dass sie alle meine Freunde lesen, damit wir gemeinsam weinen können. Das ist hard-boiled, aber anders. Keine Trilogie, die so zwingend eine Trilogie ist. "Kann gut sein, dass ich mich täusche, so ist das jedenfalls bei mir" (J. Distelmeyer). Deutscher Krimi-Preis 2001, keine Ahnung, ob das eine Auszeichnung ist.


Haruki Murakami - Wie ich eines schönes Morgens im April das 100%ige Mädchen sah
Valerian (29.06.2001)

Der Japaner Haruki Murakami ist einer von jenen Literaturgeheimtipps, die ganze Freundekreise infiziert und dessen Bücher in großen WGs für Monate wie im Bermudadreieck verschwinden und für Diskussionen in der Art von "Ich kriegs (das Buch), wenns der Dave fertiggelesen hat" -"Nee, da hab`ichs schon der Gaby versprochen, -die hat auch schon früher gefragt" sorgt. So ergings mir mit Murakamis Meisterwerk "Die wilde Schafsjagd", das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Doch mittlerweile stapeln sich Murakamis Bücher vor meinem Bett und in jüngster Erinnerung ist der Kurzgeschichtenband mit dem langen Titel, den ihr im Header der Review lesen könnt. 10 Kurzgeschichten streuen ein weites Feld in dem immer wieder glänzende Beobachtungen, überraschende Wendungen, obskure Phantasmen und feiner Minimalismus, ohne klischeehafte Japan-Assoziationen zu brillanten Geschichten gedeihen. So erzählt die Titelgeschichte von den Schwierigkeiten und potentiellen Ergebissen beim Ansprechen eines wunderbaren Mädchen, während nur wenige Seiten weiter die Gruselgeschichte über einen Arbeiter in einer Elefantenfabrik, der in den Bann eines mystischen Tanzzwerges zu Zeiten der Kulturrevolution gerät, von einer Geschichte über das professionelle Rasenmähen und den daraus resultierenden menschlichen Interaktionen abgelöst wird.
Haruki Murakami vermag es, glänzend mit Sprache umzugehen und im Wechsel der verschiedenen Stile ganz nach Belieben erotische, spannende, lähmende oder skurille Stimmungen zu erzeugen. Zum Teil erinnert er mich an einen japanischen Philippe Djian, dessen Haupt-Charaktere ein ähnlich wohlig erstarrtes Leben führen, das optimal Angriffsfläche für die interessantesten Verwicklungen und Schicksalschläge bietet. Dieses Buch ist gleichzeitig spannend und amüsant zu lesen und der Autor ist an Stil und Sprache gemessen, einer der interessantesten, die mir in den letzten zwei Jahren untergekommen sind.


Sibylle Berg - Ein paar Menschen suchen das Glück und lachen sich tot, Sex II, Amerika
Valerian (29.06.2001)

Sibylle Berg für mich eine der wichtigsten deutschen Autorinnen, gerade weil sie unbequeme Sackgassenbücher schreibt, die mir einerseits zutiefst aus der Seele sprechen und mit Wahrheit gespickt sind, wie ein Rehrücken mit Fett während der Fresswelle in den deutschen Sechzigern. Anderseits sind Bergs Wahrheiten die unbequemsten, die man sich nur denken kann, denn Sibylle Berg schreibt von Menschen, die böse, schwach oder einfach nur arm dran sind und das Schlimmste daran ist: Sie sind selbst schuld und wir entdecken uns selbst darin. Sarkastisch und hart zugleich sagt uns die Autorin, was Sache ist in der Welt da draußen und in uns drinnen: Feiglinge, Egoisten und Gefangene unserer eigenen Abgründe und dazwischen die Einsamen auf ihrem Weg zum traurigen und doch so ersehnten Tod. Endlich Schlafen, endlich mal Ausschlafen, würde Sibylle Berg den Tod eines Schichtarbeiters kommentieren.
Sibylles Bücher machen mich wahnsinnig, -sie werfen mich in einen Gedankenstrudel, der sich gegen das Lesen ihrer Texte wehrt, -zu schäbig, zu widerwärtig banal, entzaubert die Autorin das menschliche Leben als Horrorkabinett. Starker Toback, der definitiv Geschmackssache ist, doch ist Sibylle Berg eine meiner persönlichen Heldinnen, deren Wohnort Zürich mich immer mal wieder zu dem Gedanken anregt, durch die Kneipen der Stadt zu streunen, um sie zu suchen, zu erkennen und zu bewundern.
Jedes der drei obengenannten Bücher ist recht ähnlich in Form und Sprache, einzelne Personen geben, -zum Teil als Erzähler, Testament ihres gescheiterten Lebens, das sich manchmal mit anderen Personen des Buches kreuzt. Ich bin gespannt, ob Berg mit ihrem bald erscheinenden neuen Büchern, diesen doch recht starren Stil verlässt und es schafft, einen wahren Roman zu schreiben, der einen größeren Bogen zu spannen und eine große Geschichte zu entwickeln weiß. Die Kraft ihrer Sprache ist groß genug und wer ihre Kolumnen und Beiträge für Die Zeit oder das Züricher Das Magazin verfolgt, weiss, dass es jemanden gibt, der hautnah und nicht elfenbeintürmlerisch das Leben dieser Zeit in Worte fassen kann, die wehtun und wahr sind.
Was will man mehr ? Sibylle Berg lebe hoch !


Kruder und Dorfmeister - G-Stone Book
Valerian (01.02.2001)
Meine prekäre finanzielle Lage hat mich nun 3 Wochen davon abgehalten, das G-Stone Book bei meinem Plattenhändler des Vertrauens abzuholen, doch nun kann ich die Best-of-CD und das schwere kompakte Buch im gleichen CD-Format endlich in Ruhe durchblättern und den wohlbekannten K&D-Sound in den Ohre rauschen lassen. Die Herren Kruder und Dorfmeister dokumentieren ihr schönes DJ-Leben mit Bildern aus den goldenen Zeiten und legen dem Bilderreigen noch Texte verschiedener Autoren über das musikalische Leben in Wien, das Phänomen K&D u.ä. bei. Kruder und Dorfmeister Fans werden so mal wieder an die hysterischen Zeiten Mitte der Neunziger erinnert, als die DJ-Kicks in jeder halbwegs chillorientierten StudentenWG rauf und runter gedudelt wurde, als die musikalischen Jugendfeuilletons den Wiener Sound zur Weltanschauung verklärten und sich die Haute Audio Couture danach verzehrte, von den Herren Oberkiffer geremixt zu werden. Kruder und Dorfmeister haben es geschafft zum Volkswagen der elektronischen Musik zu werden; -einjeder, von Kaffeehausbesitzer bis DrumandBass-DJ, von BWL-Chica bis Webdesign-Hipster freute sich über die angenehmen Klänge und niemand verliert bis heute ein böses Wort über die Wiener Jungs, deren weltweiter Erfolg fast schon als Phänomen zu bezeichnen ist.
Das G-Stone-Book schwelgt dann glücklicherweise im visuellen Laissez-faire, der Hochglanzphotoarbeiten und peinliche Selbstinszenierungen im Stile des bemitleidenswerten StückRatte-Barre vermissen läßt. Gleichzeitig bleiben die Bilder auch oberflächlich; sie zeigen die Jungs an verschiedenen Partyorten in aller Welt, spielen ein bischen mit künstlerischen Motiven und stellen weiteren grafischen Output im Rahmen einer Flyer/Plattencover-Werkschau ins Augenlicht. Damit verbleiben sie wieder mal genau auf dieser allgemeinen Konsensebene und was im Betrachter verweilt, ist jener süße Neid auf das vermeindlich sinn- und freudenreiche Leben eines Popstars der kommerziellen Undergroundkultur. Ich habe inzwischen den Eindruck, Kruder und Dorfmeister werden von allen gemocht, aber nur von wenigen geliebt. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, wieso der Name K&D immer noch klangvoll und mythenreich beschworen wird, ihr musikalischer Output aber immer bescheidener wird. Für Fans (!DM 55!) ist das Buch ein netter oberflächlicher Einblick in die Welt der Produkte K&D und G-Stone. Die beiliegende CD ist eine erfreuliche Label-Complilation, die ich sicher noch zigfach für Freunde, die man zum Kaffee besucht, als Mitbringsel brennen werde.

Sarah Champion (Hrsg.) - Disco 2000 (Sceptre)
Valerian (18.12.2000)

Sarah Champion ist als Herausgeberin von Kurzgeschichtensammlungen junger britischer Autoren bekannt. 1999 erschien "Partyuniversum" in deutscher Übersetzung, welches Erzählungen rund um die Themen Party, Drogen und Exstase von unbekannten und bekannten Autoren (Irvine Welsh, Alex Garland, Jeff Noon) enthält. Disco 2000 ist meines Wissens noch nicht auf deutsch erschienen und präsentiert, ähnlich wie "Partyuniversum", verschiedene Geschichten, deren gemeinsames Thema der Sylvesterabend des Jahres 1999 ist. Die Geschichten drehen sich um von der Polizei verfolgte Sprayer, Küsse durch Stacheldrahtzäune, obskuren Parties und okkulte Ereignisse in Jerusalem. Das Ende des Jahrtausends naht und während die Party des Jahres in Stimmung kommt, geraten immer mehr Dinge ausser Kontrolle… Sicher ist das etwas altbacken, wenn man an das zurückliegende, oft recht unspektakulär abgelaufene Sylvesterfest 1999/2000 zurückdenkt, doch haben auch im englischen Original die Geschichten einen ganz besonderen Zauber und scheinen von jungen Autoren geschrieben zu sein, deren Lebensgefühl sehr nahe und real-poetisch wirkt und nichts mit dem Pseudohype und Popanz eines Herrn Stuckrad-Barre zu tun hat. Neal Stephenson, Douglas Coupland und Bill Drummond sind die bekannteren Autoren dieser Zusammenstellung, doch gerade die unbekannteren Autoren wie Douglas Ruskkoff, Nicolas Blincoe und Charlie Hall machen mit brillianten Geschichten neugierig und hinterlassen ihre Namen auf gekritzelten Listen mit Büchern, nach denen ich Ausschau halten werde.

 
Nick Cave - - Und die Eselin sah den Engel (Piper)
Valerian (18.12.2000)

Rechtzeitig zur Adventszeit fand ich in der Hamburger Bahnhofsbücherei dieses Buch, das schon seit Jahren auf meiner Leseliste stand, ich aber nie in die Hände bekam. Nick Cave, Musiker und Kopf der Bad Seeds, schreibt meiner Meinung nach die besten Songtexte überhaupt. Er erzählt Geschichten aus düsteren Welten, die nicht fern scheinen: Hasserfüllte Fehden in abgelegen, von der Zeit vergessenen Dörfern, dunkle Liebschaften in abgeernteten Feldern, Rache, Mord, Delirium und dazwischen schönste Balladen von Jugendlieben unter herbstroten Sternen. So macht der mit dezenten Vorschusslorbeeren bedachte Erstlingroman von Nick Cave neugierig und die erwarteten Sprachwelten brechen über den Leser tatsächlich mit biblischem Ausmaß herein. Euchrid Eucrow lebt das Leben eines Sonderlings in einem abgelegen Tal, das von Farmern einer obskuren christlich-fundamentalen Sekte bewohnt wird. Er lebt in einem Alptraum aus Fusel, Gewalt, Bigotterie und Perversion und scheint doch der einzige sensible und sympathische Bewohner dieses von Inzucht zerfressenen Tales zu sein. Während sein Körper, von den feindseligen Bewohnern des Tales zu Tode gehetzt im Sumpf versinkt, erzählt Euchrid Crow die bizarre Geschichte seines Lebens. Nick Cave beschreibt eine düstere Welt voller Dornen, Verwesung und Wahnsinn. Seine Bilder sind aufdringlich und verstörend und doch voller archaischer Wahrheit, sodaß der Leser an der Entrückung der Hauptpersonen von der Welt teilnimmt und sich darin verliert. Eine ähnliche Stimmung weiß auch der in deutschen Lesekreisen besser bekannte Christoph Ransmayer zu erzeugen, an dessen Bücher ich mich beim Lesen erinnert fühlte. "Die Eselin sah den Engel" ist ein über Strecken sperriges und irritierendes Buch und doch hypnotisch und spannend. Dabei schließt sich der Kreis zu Nick Caves Musik und wer die früheren Bad Seeds Platten kennt und mag, wird den passenden Soundtrack zu diesem Buch schon gefunden haben.