Papier vs Bits   Netzkunst
Feinde des Internets  
Gladiatorenspiele im TV  

Irritainment – Theorie oder Programm
Tarwin (13.02.2002)
Datababes mögen den Spagat zwischen Entertainment und Irritainment" heißt es im Manifest zu den Datababes und in so mancher Diskussion fällt der Begriff, ohne ihn näher definiert zu haben. Klar, er setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, die man sowohl alleine, als auch in unendlichen Kombinationen mit anderen Substantiven lesen könnte. Irritation und Entertainment. Und ohne sich hier in endlose Theoretisierungen dieser beiden Worte ergehen zu wollen: Es geht wohl um etwas, das uns unterhalten soll und zwar so, dass vielleicht Sinn und Zweck zunächst nicht ganz klar werden.
In diesem Sinne ist Irritainment also etwas mit Spielcharakter, etwas, das medial vermittelt unterhält und in seiner verwirrenden Art und Weise ein „Darauf-Einlassen" des Rezipienten erfordert. Vielleicht kann man es sich wie den gepflegten Horror vorstellen, den man sich antut, wenn man einen Gruselfilm anschaut. Man weiß ganz genau, dass das, was man im Horrorfilm geboten bekommt, nicht real in dem Sinne ist, dass die Bedrohung, die von der Filmhandlung ausgeht, für den Zuschauer unmittelbar „betreffend" ist. Und dennoch fürchtet man sich, dennoch ist die Situation „gruselig", dennoch zuckt man zusammen – aber niemals empfindet man das Geschehen auf dem Bildschirm/ der Leinwand als direkte Bedrohung (sonst würden ja alle weg laufen, ausmachen, etc.).

Es geht also beim Irritainment um das Spiel mit der Verwirrung in der Unterhaltung. Oder vielleicht um den unterhaltenden Aspekt von Verwirrung? Es geht sicherlich auch darum, dass Irritierendes unterhalten kann, aber mehr noch als das, kann Verwirrung dazu beitragen, etwas besser zu verstehen. Etwa wie sprachliche Gestaltungsmittel – bestes Beispiel ist wahrscheinlich die Metapher – nicht unbedingt klar sind, aber dennoch klar machen können, mag das Irritainment dazu gut sein, Dinge explizit zu machen, die zunächst nur dunkel in Erscheinung treten. Die Metapher, die sprachlich „nicht exakt" ist, sondern Bedeutungslücken lässt und die
Interpretation des Rezipienten erfordert, kann manchmal mehr erklären als eine „emprirische Sprache", die sich dem Sachverhalt zwar annähern kann, ihn aber immer nur unzureichend beschreibt. Das Erklärungspotential der Metapher übersteigt meist das der nüchternen Sprache um ein Vielfaches und in diesem Maße ist das, was ich Irritainment nenne, dazu geeignet, Dinge explizit zu machen, Vorgänge zu beschreiben und in kulturell vermittelter Weise plausibel zu machen, was mit (vielleicht) erhobenen Zeigefinger und (politisch) korrekter Darstellung nicht möglich gewesen wäre.

Dabei schließt das eine das andere aber nicht aus. Natürlich bezieht das Irritainment seine Kraft nur aus dem Wechselspiel zur nüchternen Berichterstattung und selbstverständlich würde das, was irritieren könnte, sein Irritationspotential verlieren, wenn man es zu häufig anwendet oder es gar in den Kanon der nicht irritierenden Dinge eingeht. So steht und wirkt die Karrikatur in der Zeitung nur im Zusammenspiel mit den sie umrahmenden „nüchternen" Artikeln, so wirkt der Witz in einer „ernsten" Sendung besser als ein Witz in der Witzsendung. Der Kontrast zwischen „Ernsttainment" und Entertainment, das Spannungsverhältnis von Tragik und Komik macht das aus, was Irritainment kennzeichnet und charakterisiert. Wenn die Nachrichtensprecherin sich verspricht und von den „Pille-Palästinensern" spricht, dann passiert da viel mehr als wenn sich Stefan Raab stundenlang über Arafats Halstuch ergeht. In diesem Sinne bezieht Irritainment seine Wirkung aus dem Kontrast zwischen Ernst und Spaß, indem der „freudsche Versprecher", der peinliche Zwischenfall oder die ungewollte Entblösung über das eigentliche Geschehen schiebt und neue Interpretationsofferten macht.

Die andere Wirkung, die vom Irritainment ausgeht, ist die der anfänglichen Verwirrung und dem Erkenntnismoment, das sich aus der Entwirrung notwendigerweise ergibt. Das „Aha-Erlebnis" ist nicht möglich, wenn man vorher nicht verwirrt oder unwissend gewesen wäre. „Aha" ist der Weg aus der Dunkelheit, die Irritation und Ignoranz (im Sinne von „Nicht-Wissen") zuvor verursacht haben. Die Dinge, die zunächst nur obskur (also dunkel) waren, werden erhellt und das unterscheidet reine Obskurität von Irritation. Etwas das irritiert trägt seine eigene Erklärung in sich und kann mit diesem Potential verblüffen. Manche Dinge, jene, die sich nie von selbst
erklären und ein ewigen Rätsel bleiben, haben kein Irritationspotential, sie irritieren nicht, sie verwirren nicht, sie sind einfach nur unverständlich. Irritation spielt damit, dass man nur zunächst nicht weiß, was sich hinter etwas verbergen kann, aber man dennoch mit der Zeit in der Lage ist, das was dahinter steckt, zu entschlüsseln.
Und um etymologisch zu argumentieren: die lateinische „irritatio, -onis" bezeichnet die Reizung bzw. den Anreiz. Die Irritation ist also der Reiz entschlüsseln zu wollen; geschieht es in oder durch Unterhaltung, handelt es sich um Irritainment.

Letztlich stellt sich allerdings die Frage, ob das, was hier Irritainment genannt wird, nur eine Theorie ist, die rückbezüglich auf Medienphänomene angewandt wird; ob es sich also lediglich um theoretische Verpackung handelt, was vielleicht durch andere Erklärungmuster besser darzustellen wäre. Oder ist Irritainment in diesem Sinne ein Programm? Nicht nur für Datababes, sondern wesentlich breiter, für die Unterhaltungs- und Bildungsstrukturen medialer Vermittlung im frühen 21. Jh.? Ist Irritainment nicht schon zu einer Methode „verkommen", die angewandt wird, wenn „herkömmliche" Erklärungsmuster nicht mehr greifen? Postmans pessimistische These vom „zu Tode amüsieren" lässt sich vielleicht auch auf das zu angestrengte Irritainment zurückführen – wenn Urteilsbildung im „Zerstreuungsgeschäft" statt findet?

Ist „Irritainment" letztlich nur die elegante und geschickte Gratwanderung zwischen zu angestrengter Witzigkeit und spaßverneinendem Ernst?


Papier vs. Bits - Warum Datababes ein Onlinemagazin ist
Valerian (08.7.2001)

Digital ist besser sangen einst Tocotronic und auch für Datababes gelten einige Gründe, warum wir unsere Inhalte nicht auf handfestem Papier drucken.
Zurzeit befindet sich das Angebot an Magazinen in einem grundlegenden Wechsel, -klassische Magazine wie der Spiegel oder das unserer Generation naheliegende Musikmagazin Intro, welches kostenlos in Plattenläden und Cafes ausliegt, haben begonnen, ihre regelmäßigen Printausgaben, um einen Onlineauftritt zu erweitern. Diese "kleinen Brüder" der großen Magazine entwickelen oft einen eigenen Stil (siehe auch hotwired.com, des Magazins Wired), präsentieren deutlich mehr Inhalte und Funktionen und erschlossen so ganz neue Leser. Seit Jahren schon gibt es reine Onlinemagazine, deren Zahl unübersichtlich ist.
Für die schreibenden Datababes unter uns stand seit Schülerzeitungszeiten schon immer die Idee im Raum, auch später in einem Magazin, Berichte und Texte zu veröffentlichen. Der klassische Weg besteht darin, bei einer Lokalzeitung oder einem etablierten Magazin anzufangen oder ein eigenes Magazin zu gründen, wie es in allen größeren Städten, -auch jüngst in Konstanz, Leute immer wieder tun.
Für die Ur-Datababes stand von Anfang an fest, nicht ein Printmagazin, sondern ein Onlinemagazin herauszubringen. Unser erster und wichtigster Grund dafür, war unsere Beobachtung, dass die klassischen Magazine (sei es jetzt TV Today, Allegra oder ein kleines lokales Magazin), ansehnliche Geldsummen für Druck, Bindung und Distribution der einzelnen Ausgaben aufbringen müssen. Dieses Geld wird in der Regel durch Werbekunden aufgebracht, die im Magazin mit Anzeigen für ihre Produkte und Dienstleistungen werben. Diese Werbekunden haben zum einen das Interesse, dass ihre Anzeigen von möglichst vielen Lesern wahrgenommen werden und möglichst nicht neben kritischen und kontroversen Artikeln zu sehen sind. Dies führt dazu, dass ein Magazin, welches Mainstream-Themen (Essen und Trinken, Flirttipps und gefällige Kulturtipps) aufgreift, eine höhere Quantität an Lesern erreichen kann und somit höhere Anzeigenpreise verlangen kann. Somit entsteht eine ungünstige Abhängigkeit vom Wohlwollen der Anzeigenkunden, was in der Geschichte der Medien nur zu oft dazu geführt hat, dass kritische und provokante Beiträge nicht gesendet/gedruckt wurden. Man verdeutliche sich ferner jenes Beispiel: Magazin XY erhält von Plattenfirma YZ einmal im Monat kostenlos eine Reihe von CDs, damit sie in den CD-Tipps besprochen werden können. Würde Redakteur A eine schlechte Rezension einer bestimmten CD schreiben, so würde als Reaktion, die Plattenfirma höchstwahrscheinlich keine CD mehr kostenfrei zur Verfügung stellen und vielleicht auch keine Anzeigen mehr schalten. Man sieht dass die Abhängigkeiten, -und das gilt nicht nur für Printmagazine, oft auf verschiedenen Wegen ins Haus kommen.
Als Onlinemagazin entgeht man bis zu einer bestimmten Größe zumindest der Abhängigkeit von Anzeigenkunden, um die Druckkosten zu finanzieren. Das gibt Onlinemagazinen die Möglichkeit, auch Themen aufzugreifen, die nicht dem Massengeschmack entsprechen und vor allem erlaubt es auch, z.B. in einer Plattenkritik zu schreiben, dass die Platte scheisse ist. Doch die meisten Vorteile eines Onlinemagazins liegen in dessen Struktur begründet.
Im Gegensatz zu einem monatlich erscheinenden Printmagazin, ist es online möglich, Inhalte sofort und nicht erst zum Redaktionstermin zu publizieren. Im besten Fall kann eine Partyreview am folgenden Tag mit (digital geschossenen) Bildern im Netz zu sehen sein. Desweiteren erleichtert es eine Mitarbeit von überregional operierenden Redakteuren, die ihre Beiträge von ihrem Rechner aus auf die Website laden ohne räumlich an die Redaktion gebunden zu sein oder diverse Zwischenstationen von Fax bis Setzer passieren zu müssen.
Was uns bei Datababes ganz wichtig ist, ist die Möglichkeit der Interaktion zwischen Lesern und Autoren. Foren, wie wir sie bei ouk.de oder telepolis.de sehen können, strotzen nur so vor schlauem (manchmal auch blödem) Informations- und Meinungsaustausch. Bei Spiegel.de wird ferner die Möglichkeit zu Online-Meinungsumfragen genutzt, wobei man die Ergebnisse und Zwischenstände als Leser direkt mitverfolgen kann. Onlinemagazine können außerdem traditionelle Formate aufzubrechen und den Leser im Sinne z.B. der Datababes-Community die Möglichkeit geben, untereinander zu kommunizieren und Anknüpfungspunkte für eigeninitierte Projekte zu bieten. Ein weiterer Vorteil besteht darin, alte Inhalte (also die Inhalte einer klassischen "alten Ausgabe") zugänglich zu machen. Ausserdem können Inhalte im Sinne von Verknüpfungen mit Inhalten anderer Webseiten generiert werden und somit die Vorteile der hypermedialen Vernetzung von Information den Lesern zugänglich gemacht werden.
Für uns Datababes war hauptsächlich die Möglichkeit ausschlaggebend, eigene individuelle Inhalte abseits des Mainstreams zu publizieren. Ein Onlinemagazin lag dabei am nächsten, weil auch in unserem normalen Kommunikations- und Informationsverhalten das Internet eine große Rolle spielt. Viele von uns schreiben regelmäßig in Foren, lesen zigmal am Tag ihre Email, haben elektronische Brieffreunde und beziehen einen Großteil ihrer Informationen über das Internet. Die finanziellen Risiken und inhaltlichen Beschränkungen, die eine Druckausgabe mit sich bringt, würden sich unserem Wunsch nach einem Ort für Veröffentlichungen nach unserem Geschmack, -Dinge, die wir zu sagen haben, -Dinge, die uns interessieren, entgegenstellen.

Es gibt aber auch eine Menge Nachteile, die Onlinemedien mitsichbringen, um die ich nicht verlegen sein will, sie hier zu nennen. Ein Printmagazin bietet wesentlich mehr Lesekomfort als ein Onlinemagazin. Das Lesen von mit Druckauflösung gedruckten Texten ist auf jeden Fall angenehmer, als Texte am Bildschirm zu lesen. Großformatige Bilderstrecken, Experimente mit Beilagen, Postern und Ausklappformaten lassen sich am besten in Hochglanzmagazinen verwirklichen. Darüberhinaus sind Menschen am Computer oft nicht in der Stimmung, sich auf Texte einzulassen, während beim gediegenen Fläzen im Ohrensessel oder zwischen den Stationen im Bus, die Menschen deutlich eher in Lesestimmung kommen. Darüberhinaus setzt das Lesen eines Onlinemagazins ganz elementar einen Computer mit Onlineanschluß voraus, während man für eine Zeitung nur seine Augen und ein wenig Licht benötigt.
Interessanterweise ist auch festzustellen, dass es Menschen gibt, die gedruckten Magazinen wesentlich mehr Hochachtung und Coolness zubilligen, weil sie Onlinemagazine auf irgendeine Weise immer mit New Economy, Business und Informationsüberflutung in Verbindung bringen. Das sind auch jene Leute, die pauschal bildenden Künstlern, die oben-ohne in Ateliers bei wilder Jazzmusik und Cognac mit Farben schmieren, mehr Anspruch zubilligen, als Multimediakünstlern, die mit Photoshop und Director arbeiten.
Diese billigen Ressentiments werden sich mit zunehmender Akzeptanz und Verbreitung des Mediums Internet weitgehend verflüchtigen. Die genannten Nachteile der schlechteren Präsentierbarkeit von Inhalten werden den Vorteilen weichen, ohne dabei die klassischen Formate zu verdrängen. Die Diskussion um E-Book vs. dem klassischen Buch ist eine ganz andere.
Für mich ist ganz einfach klar, dass ich meine Zeit lieber beim Lesen von Magazinen verbringe, die genau meinem Geschmack und Informationsbedürfnis entsprechen. Dies sind einige wenige Printprodukte, die ich für teures Geld als Importware beim gutsortierten Zeitschriftenhandel in Großstadtbahnhöfen erstehen muß und vor allem Onlinemagazine, die frei von Zwängen wie Auflage und Anzeigenkundenbefriedigung sind.

Meine täglichen Informationshäfen (nicht unbedingt als Empfehlung gemeint):

http://www.telepolis.de - reichhaltige Artikel zu gesellschaftlichen Themen, Forschung, IT, Technologie allgemein

www.drumandbass.de, www.basstion.de, www.drumbase.de - Klasse Magazine zum Thema Drum and Bass, gute Links, Audio, Reviews, Termine, aktive Foren

www.hotwired.com - Klassiker der Netzkultur

www.spiegel.de - Schnelle Information, auch am Sonntag


Die Feinde des Internet
Pedro (30.03.2001)

Informationen sind für Menschen überlebensnotwendig. Egal ob es sich um einfache Informationen handelt, welche mit den sensorischen Sinnen wahrgenommen werden oder um komplexe Information, welche zunächst interpretiert werden müssen.
Das Internet hat die bestehende Balance der Macht zwischen Regierungen und den Menschen, welche Information produzieren, radikal verändert. Nur mit einem Computer "bewaffnet", kann eine einzelne Person von zu Hause aus der ganzen Welt mitteilen, was sie denkt oder erlebt. Diese Person kann Unterdrückung oder Verletzungen der Menschenrechte der ganzen Welt durch E- Mails, Newsgroups oder Internetseiten mitteilen, egal wie autoritär das System des Landes ist. Durch diese Freiheit der Informationsverbreitung werden einige Fragen aufgeworfen, die nur sehr schwer zu beantworten sind:
Welche Rolle wird dann zukünftig den Journalisten zufallen, wenn jeder Mensch per Internet selbst Informationen an die Öffentlichkeit bringen kann und gleichzeitig an jegliche Art von Information gelangen kann? Welche Gesetze sollte man auf virtuelle Publikationen anwenden, welche global und grenzenlos sind? Welche Inhalte sind moralisch verwerflich und wie sollte man mit solchen Inhalten umgehen? Sollte man sie gesetzlich verbieten oder beharrlich das Recht der freien Meinungsäußerung vertreten, da eine Einschränkung dieser Meinungsäußerung ein noch größeres Risiko darstellen kann?
Verschiedene Länder haben unterschiedliche Wege eingeschlagen, um diese Probleme und weitere auftretende "in den Griff zu bekommen": Das einzige Land der Welt, welches sich komplett vom Internet isoliert hat, ist Nord- Korea, es gibt keine Server, keine Verbindung. Andere Länder, wie Saudi- Arabien oder China, haben riesige Kontrollsysteme eingerichtet, die Internet- Adressen und deren Inhalte filtern. Selbst in den Vereinigten Staaten, in welchem die freie Meinungsäußerung eines der ersten Grundrechte ist, werden von konservativen Politikern Versuche unternommen, Informationen aus dem Internet zu beschränken.. Diese beziehen sich vor allem auf Seiten mit pornographischen oder sexuell provozierendem Material. Doch sind die vorgeschlagenen Gesetze meist sehr weit gehalten, was die Gefahr bergen könnte, daß eine restriktive Rechtssprechung entsteht, welche nicht nur auf die beabsichtigten Inhalte beschränkt bleibt.
Wiederum andere Länder beschränken das Internet gar nicht. Reporters Sans Frontieres ( nicht zu verwechseln mit Medecins Sans Frontieres) und andere Organisationen verteidigen das Recht auf freie Meinungsäußerung vehement. Ihrer Meinung nach dürfen die Inhalte im Internet nicht beschränkt werden, da falls alle Lobbies und Regierungen der Welt ihre Werte und Tabus auf das Internet anwenden, von freier Meinungsäußerung nicht mehr viel übrigbleibt. Auch fremdenfeindliche oder rassistische Inhalte sollte man ihrer Meinung nach nicht verbieten, da zwar eine freie Verbreitung dieser Ideen gefährlich ist, aber deren gesetzliche Unterdrückung noch viel mehr Risiken bergen kann. Um zu zeigen, mit welch drastischen Methoden manche Länder die freie Meinungsäußerung im Internet begrenzen Wollen, haben die Reporters Sans Frontiers eine Liste der Feinde des Internet veröffentlicht, auf welcher im Detail die Vorgehensweisen der einzelnen Länder angeprangert werden.
Diese Seite gibt's unter: www.rsf.fr/uk/homennemis.html


Zukünftige Fernsehformate Teil 1 - Gladiatorenspiele
Valerian (03.12.2000)

Es war ein lauer Frühsommerabend als Aurelius und ich ein Konstanzer Kino in der Innenstadt verliessen. Wir hatten Ridley Scotts Neo-Sandalenspektakel "Gladiator" gesehen und hatten den Kopf voller martialischer Bilder ("Tribun!, Tribun!", skandierten die versammelten Legionen, um ihren Feldherrn Maximus (sic!) vor einer düsteren Schlacht gegen germanische Barbaren zu preissen).
In jenem Film wird ein ehemaliger Elitesoldat (ach, wie sich die Plots gleichen), durch eine Intrige dazu verurteilt, in Rom bei den Gladiatorenspielen im Circus um sein Leben zu kämpfen. Auf dem Nachhauseweg erörterten wir die Faszination von öffentlich ausgetragenen Kämpfen auf Leben und Tod und kamen überein, daß Gladiatorenspiele die wohl ultimative Form von Massenunterhaltung in der Geschichte des Entertainments darstellen. Die Römer waren in ihrer vielzitierten Dekadenz wahrhaft konsequent und "Brot und Spiele" scheinen dem Volk zu jener Zeit tatsächlich soviel Spaß gemacht zu haben, daß es sich recht tolerant gegenüber dem Kaisertum und anderen politischen Früchten gezeigt hat.
Der Kampf auf Leben und Tod scheint ein trans-kulturelles Faszinosum zu sein. Wir erleben in der heutigen Fernsehkultur zahlreiche Spielarten dieses alten Themas: In "American Gladiators" kämpfen telegen Paare gegen andere Paare und eine Horde showeigener Spezialisten, die sich des aus den Wrestlingshows bekannten Repertoire an Maskerade, Gesten und Archetypen bedienen. Da gibt es die brutalen Hünen mit fletschenden Zähnen und schwarzumrandeten Augen, da gibts nordische Bodybuilderinnen, die den feuchten Träumen altersschwacher Nazischergen zu entstammen scheinen und da gibt es eiskalte Technokraten, deren emotionslose Perfektion an KGB-Killer früher James Bond-Filme erinnert. Das japanische Fernsehen hat eine ganz eigene, -deutlich kollektivere Art, moderne Gladiatorenspiele zu inszenieren: In "Takeshi`s Castle" startet eine ganze Hundertschaft mutiger Japaner und Japanerinnen, die sich beim Rennen über glitschige Baumstämme, Hangeln über Matschlöchern und ähnlichen Prüfungen immer weiter reduzieren, bis sich die letzten in engen abschüssigen Gassen mit riesigen Plastikkugel und anderen Stressfaktoren konfrontieren müssen. Soweit ich weiß, hat es bis heute noch niemand geschafft, auch nur die ersten Barrikaden von "Takeshi`s castle" zu überwinden.
Man zappe nur mal einen Abend durch alle Programme und man findet dutzendweise Spielkonzepte, Inszenierungen und Publikumsreaktionen, die einen an Gladiatorenspiele denken lassen. Selbst ehrwürdige Unterhaltung wie "Wetten dass ?" beglückt uns mit archaischen Riten, die aus einer Zeit zu stammen scheint, als die Menschen das höchste Glück empfanden, wenn sie als Menschenopfer auserkoren waren. Bei Gottschalk wettet interessanterweise die globale Unterhaltungselite auf die verschiedenen und gegeneinander antretenden Wett-Eiferer (meist aus proletarischen Schichten), um am Ende einen "Wettkönig" zu wählen, -per TED, einer modernen Form des "Daumen nach oben".
Unser Nachhauseweg vom Kino ist recht lang, daher tat ich die These kund, daß wir in unserer verbleibenden Lebenszeit, die laut statistischer Erwartung noch circa 50 Jahre beträgt, durchaus Gladiatorenspiele im Fernsehen erleben werden. Es werden juristische Vereinbarungen getroffen werden und die hinterbliebenden Familien würden bei Eintreten des Todefalles versorgt werden, etc. Aurelius wehrte sich zunächst vehement gegen diese Prognose, schließlich lebten wir ja in einer verfassungstreuen Demokratie und die Gesellschaft würde das sicher nicht zulassen, -christliche Lobby,-Aufstand der Intellektuellen, -Parlamentsdiskussionen und so weiter. Ich hielt dagegen, daß mit zunehmender Fusion der Medien Internet und Fernsehen, es in naher Zukunft keine Sendeanstalten, Jugendprüfstellen und andere Kontrollmöglichkeiten mehr geben wird. Über das Internet könnte man, in irgendeinem Land ausgetragene Kämpfe zur Primetime sehen, die zum einen der staatlichen Kontrolle entzogen sein könnten, oder nicht nach den jeweiligen Landesgesetzen ausdrücklich verboten sind. Man stelle sich vor, wie eine moderne Fernsehshow namens "Big Brother" vor zwanzig Jahren auf das Fernsehpublikum gewirkt hätte. Sie wäre sicher garnicht erst erlaubt worden; heute ist wenig Anstössiges dabei, anderen Menschen beim Duschen oder Nasepopeln zuzuschauen. In Holland sah ich dieses Jahr eine Show, in welcher die Gäste lebendige Maden und Molchaugen essen mußten, wobei ihnen der Glibber und das Blut aus dem Mund spritzte und sie sich reihenweise in bereitgestellte Champagnerkübel erbrachen.
Die Beispiele lassen sich seitenweise fortführen und es stellt sich sicher auch die Frage, wie die distanzreichen Bilder von lasergelenkten Bomben, explodierenden Panzern und Molotov-Cocktail-Pfützen unserer Lust, beim Todeskampf Anderer zuzusehen, genüge tun. Der den Menschen ureigene Voyeurismus wird in Zukunft eine immer süchtigere Nachfrage nach neuen Nervenkitzeln produzieren und da die Konkurrenz im Internet immens sein wird, wird irgendwann auch eine deutliche Nachfrage nach Gladiatorenspielen existieren.
Die Frage wird dann sein: Würdest DU Dir das auch anschauen ?

Netzkunst - Wo?
killerPOKE (07.12.2000)

Es ist schon erstaunlich: da glaubt man nach Jahren in der Grafik-Demo-Szene, des Wired-Lesens, intensiver Internet-Nutzung und DIY-Webmastererfahrung einen Überblick über die kreativen und ästhetischen Teile des Netzes zu haben, und dennoch wird man dann ausgerechnet vom Antik-Medium Fernsehen immer wieder mit völlig unbekannten, aber um so faszinierenderen Kunstprojekten aus dem Netz konfrontiert. Scheinbar aus dem Nichts ist da in den letzten Jahren eine riesige lebendige Szene von Künstlern aller Couleur und geographischer wie kultureller Herkunft entstanden, deren Wurzeln irgendwo zwischen renommierten Kunsthochschulen, New Yorker Graffiti, dem MIT und der skandinavischen Amiga-Demo-Szene liegen.
Ähnlich wie im wildwuchernden Chaos der Plattenlabel elektronischer Musik, arbeiten hier Einzelkämpfer und Künstlerkollektive an der Bereicherung der Weltkultur, während sich deren traditionelle Hauptakteure im Selbstmitleid suhlen. Die Arbeiten sehen im Netz mehr als E-Commerce, Video-on-demand und Porno. In vielen spiegeln sich die feurigen Visionen aus der Anfangszeit des Internets wieder, die zwar oft durch die unerwartet starke Kommerzialisierung und die noch zu geringen Bandbreiten des Netzes relativiert wurden, aber dennoch eine sprudelnde Quelle für wirklich neue Vorstellungen von der vernetzten und (des)informierten Gesellschaft der Zukunft darstellen.
Schnell ergreift einen angesichts der Fülle der Arbeiten eine Mischung aus Euphorie und Frustration, denn selbst ein grober Überblick über die Gesamtheit der Arbeiten gerät schnell zur Lebensaufgabe. Durch Berichte in Kulturzeit, Aspekte oder durch Preisverleihungen wie bei der Ars Electronica oder dem Internationalen Medienkunstpreis angefixt, macht man sich dann wenigstens auf die Suche nach den großen Namen, denn der Anspruch auf Vollständigkeit ist sowieso nicht erfüllbar.
Um es Neugierigen etwas zu erleichtern, sich mit Netzkunst auseinanderzusetzen (oder einfach nur die Bookmarks mit ein paar wirklich abgefahrenen Websites anzureichern), habe ich die Möglichkeiten zusammengefasst, die ich nutze, um in touch zu geraten:
Nummer 1: Die Mailingliste "Rohrpost"
Diese - allerdings sehr Berlin-orientierte Mailingliste - informiert mit ca. 3-5 Mails am Tag den Abonnenten über Veranstaltungen, Ausstellungen und neue Web-Sites rund um Netzkunst, wobei aber auch politische und wirtschaftliche Aspekte behandelt werden. Hier wird eher über das Thema geschrieben - eigene Arbeiten werden eigentlich nie innerhalb der Liste publiziert, außer es handelt sich um Abstracts und Zusammenfassungen. Hervorzuheben bei Rohrpost ist meiner Meinung nach die Berliner Gazette, die sich als wöchentliches Mini-Feuilleton im Mail-Format versteht. Hier findet mal viele Anregungen und Links für zukünftige Surftouren.
Rohrpost ist für den deutschsprachigen Raum eine sehr interessante Ressource für URLs und Termine und ist sicher ein guter Einstieg in die Thematik. Die Liste grenzt sich nicht gegen Neulinge ab, wie der Eindruck bei "Rhizome" entstehen könnte.
Nummer 2: Die Mailingliste "Rhizome"
Von dieser englischsprachigen Liste gibt es zwei Varianten: Einerseits einen wöchentlichen Digest, der quasi eine redigierte Zusammenfassung des Mailverkehrs der letzten Woche darstellt und andereseits die pure, ungefilterte RAW-Version. Die RAW-Version ist anstrengend. Sehr anstrengend. Die ca. 5000 Abonnenten tauschen hier in einer für Außenstehende oft schwer nachvollziehbaren Terminologie sowohl ihr Wissen über Netzkunst, als auch konkrete Werke aus. Der Mailverkehr ist sehr stark. Der Kunstbegriff des 0815-Surfers dürfte hier heftig strapaziert werden. Verschiedenste Charaktere liefern sich hier rhetorische und ästhetische Duelle - vom Dozenten an der Kunstakademie, über den Online-Journalisten bis hin zum Webcam-Fetischisten, der Intimaufnahmen aus seinem Eheleben präsentiert. Auch erwähnenswert sind Spamkünstler, die ihre Arbeiten auf doch eher nervenaufreibende Art präsentieren. Das Verfolgen der Liste in der Rohfassung ist extrem interessant, aber auch extrem zeitintensiv. Der Digest stellt zum Einstieg eine gute Alternative dar, verliert gegenüber dem rauhen Original natürlich ein wenig an underground-touch und Provokation.
Nummer 3: Die Suchmaschine "www.verybusy.org"
Visuell sehr schön aufbereitet zeigt sich hier eine Art Suchmaschine, die aber auch Chat, Forum und eine Mailingliste anbietet. Neben einem Verzeichnis von Veranstaltungen und Sites, findet sich hier auch Platz zum Publizieren eigener Artikel. Allein schon wegen dem sehr interessanten Interface einen Besuch wert.
Nummer 4: Dr. Grethers "www.netzwissenschaft.de"
Eine kontinuierlich wachsende Fülle an Links und Texten zur Thematik "Netzwissenschaft, Netzliteratur, Netzkunst" findet sich auf dieser Seite. Meterlange kommentierte Linklisten, gepaart mit hunderten von Links auf Künstlerseiten aller Art, verlocken dazu, seine Startseite hier hin zu verlegen. Vom Visuellen her ist die Seite eher minimal, was vielleicht am Anfang ein klein wenig abschreckt, aber die Beschäftigung mit dieser Site ist jedoch mehr als lohnenswert.
Hinweis: Dr. Grether führt zur Zeit ein Seminar "Netzliteratur, Netzkunst, Netzwissenschaft" an der Universität Konstanz durch!