Drum and Bass 2001  Musik. Lebensgesch.-Marla
 Ungnade der späten Geburt  Musik. Lebensgesch.-Cross
 Terror in der elekt. Musik  Musik. Lebensgesch. -Val

Metrosexualität
Torben (11.12.2004)


*** Dicks are only for chicks (But I’m a cheerleader) ***

„This room won’t be rent to two men” findet sich als typographischer Restwiderstand (das ist die Frage, nicht die Behauptung) einer – aus europäischer (präziser: westeuropäischer - noch präziser: westeuropäisch/großstädtischen) Perspektive längst verlorenen heteronormativen Zwangskultur – auf einer Wand einer nicht allzu verlassenen Hotelrezeption in Kingston/Jamaika. Dies berichtete mir zumindest vor nicht allzu langer Zeit Reggae-Doktor und Nachtleben-Wandler T. Kraus. Im Allgemeinen nennt man das: Homophobie. Da das Allgemeine generell nur wenig rockt und hier auch eher zur „allgemeinen“ Zerstreunung als zur Systemkritik beigetragen werden soll (aber: „Lass dich überraschen“ / Rudi Karell; anno dazumal), will ich die großen wunden Punkte an dieser Stelle eher umschiffen (oder: UMschiffen in Sinne von Punkrock) als ansteuern. Eine Garantie kann ich nicht geben. Das Weiterlesen ist ohne Gewähr.

*** Love in the 90ies – it’s paranoid (Blur/Pet Shop Boys) ***

Der Grund für diesen Text findet sich – wie sollte es anders sein – im Nachtleben und ist damit sich selbst und auch sonst so Grund genug. Wie tanzt denn die männliche Jugendkultur auf die Tonträger aus dem (homoph****) Kingston/Jamaika so ? Das soll die Frage sein. Eine Frage nach dem „Nachtleben-Habitus“ also. Nun, in erster Linie – wissend, dass dies nicht unbedingt auf Sympathie stoßen wird – tanzt sie „QUEER AS FUCK“ (Provokation). Das soll man nicht sagen, will man sich nicht am Rande der Gesellschaft bewegen. Nun gut, ich will diese Aussage relativieren (und eben doch nicht –ihr werdet schon sehen...). Die zeitgenössische Feuilletondebatte dient mir hierbei mal wieder als Rettung: Die Version 2.0 lautet also: Die männliche Jugendbewegung tanzt in einer anderen Weise: sie tanzt metrosexuell !
„He’s well dressed and narcissistic […]. But don’t call him gay. (Mark Simpson - Meet the metrosexual; 22. Juli 2002) In der Tat: schwul darf man sie nicht nennen, will man ja auch gar nicht: „Schwul“ – das sind die Sperrzeiten, die Bierpreise (oder doch eher: Caipirinha?) und ganz generell: die Anderen. Vom Heavy-Metal-Fan bis zum Nobody. Schwul! Alle!

*** Black and STRAIGHT and proud ***

Angst vorm „schwarzen Mann“ hat wohl niemand der männlichen Anwesenden auf dem Dancehallfloor. Schon eher vor Justin Timberlake. Aber warum tanzen denn dann alle bitteschön wie er (oder: würden gern)? Hier beginnt es allmählich kompliziert zu werden – oder ist die Antwort vielleicht doch ganz einfach? Ist Justin Timberlake einfach „schwul“ und muss somit als „Tanzvorlage“ & Rolemodel tunlichst unsichtbar bleiben?
Nun, dass der Mädchenschwarm im eigentlichen Sinne nicht „schwul“ ist, würden viele unterstreichen: Cameron Diaz - Britney Spears – und vermutlich weiß auch „the holy god that j.t is not gay“. Ganz anders sieht es da mit Mr. Marshal M. aus Detroit „Rock City“ aus. Komischerweise wird dieser aber – trotz Duettauftritt mit Elton John und Fotoserie mit David LaChapelle – von der gleichen männlichen Jugend, die Justin Timberlake gerne in der Homo-Hölle schmoren sähe, zum Säulenheiligen einer heteronormativen Popkultur gekrönt.

*** For all I know – my love is still untold (Kante) ***

Dass Gender als eine kulturelle Interpretation des Körpers zu verstehen ist, die dem Individuum über eine „Geschlechtsidentität“ und „Geschlechterrolle“ einen spezifischen Ort innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung zuweist (D. Feldmann/S. Schülting), ist klar. Funktioniert „gender“ aber nicht jeweils immer dann um so besser, wenn die genaue Ausrichtung im Unklaren bleibt? Ist „genderfuck“, also die bewusste Irritation/Verundeutlichung von Geschlecht, im momentanen Zeitklima als Katalysator zu verstehen? Bieten instabile, undurchsichtige Modelle vielleicht einen Mehrwert an sexyness ?
Das würde zumindest das Geschehen um den Metrosexual No. 1 – David Beckham – erklären.

*** confusion is sex (Sonic Youth) ***

Beim Phänomen Beckham entzieht sich ja fast alles der Eindeutigkeit. Dem britischen gay-mag Attitude erzählte „Becks“, dass er gerne mal die Höschen seiner Frau Victoria trägt. Auch durch Nagellack, Frisuren und seinen Haarreifen wusste er immer wieder zu überraschen. Da wundert es kaum, dass seine „ball-tricks“ (?!?) bei den Einen für Staunen, bei den Anderen für feuchte Träume sorgen. Lieben tun ihn (fast) alle.
Was lehrt uns das Medien-Beispiel Beckham?
Bietet die Irritation einer etablierten Gender-Matrix vielleicht auch die Chance „das Begehren“ zu retten? Oder, um es krasser und mit Judith Butler zu formulieren: „Kann Sexualität überhaupt Sexualität bleiben, nachdem sie sich einmal den Kriterien der Transparenz und der Enthüllung unterworfen hat?“

*** I - U – SHE – together - baby let’s go! (Peaches) ***

Zurück zur Praxis – in diesem Fall also: zurück auf den Dancefloor, zu den heimlichen Justin Timberlake-Fans in ihren ärmellosen, enganliegenden Shirts. Erlaubt ist was Spaß macht, ist ja bekanntlich eine Lüge, gilt also nicht. Tanzen darf natürlich trotzdem jeder wie er will.
Auch nach den Regeln des „neuen Mannes des 21. Jahrhunderts“ (BILD). Wenngleich es etwas lächerlich werden könnte. So von wegen: in verwischten Gender-Konstrukten tanzen aber in rigiden Rollenbildern denken...


Musikalische Lebensgeschichten - Fundgruben und Leichenkeller - Teil V
palomo (11.12.2002)

Erster ernsthafter Einfluss für den kleinen Patrick (Jahrgang 1970) waren die schröcklichen KISS. Damit konnte man zwar bei der Klassen-Hitparade in der letzten Musikstunde vor Weihnachten weder Blumentöpfe und schon gar keine Mädchenherzen gewinnen. Aber dafür bescheinigte einem das fassungslose Kopfschütteln des Musiklehrers beim Betrachten des Klappcovers von "KISS Alive II", dass man nie mehr ein ordentliches Mitglied dieser Gesellschaft werden konnte, was bei den männlichen Kameraden für schwer Ansehen sorgte. Ehrensache, dass meine erste Single "I love Rock `n Roll" von JOAN JETT & THE BLACKHEARTS war. Damit hatte der Rock `n Roll aber für lange Zeit sein Pulver bei mir verschossen. Geistig genährt wurde die Rebellion gegen alles von den wunderbaren LATIN QUARTER mit ihrem wundervollen Album "Modern Times". Da wurden so ziemlich alle Ungerechtigkeiten dieser Welt abgehandelt und in zarte englische Popsongs mit Ethno-Einschlag verpackt.

Anfangspunkt meiner Begeisterung für Tanzmusik war MICHAEL JACKSONS "Thriller". Der Opener "Wanna be startin something" war definitiv der erste Song, der mich ekstatisch vor dem elterlichen Schlafzimmerspiegel tanzen machte. So ab 1986 durfte ich dann nach Radolfzell ins "Graffity". Das war damals schwer angesagt und befand sich in den Räumlichkeiten, in denen später der Tempel eröffnen sollte. Das "Graffity" war schnell meine zweite Heimat: hier kam ich mit bis dato ungehörter Musik in Berührung, hier tanzte ich in der Öffentlichkeit, hier waren bald auch meine Freunde und verlieben konnte man sich jedes Wochenende aufs Neue. Neben dem üblichen Post-Punk, Wave, Rock und Reggae liefen hier bereits Mitte/Ende der 80er Jahre Rare Grooves und Dancefloor-Jazz. Mit Begeisterung tanzte ich hier zu JAMES BROWN, THE TEMPTATIONS, THE METERS, CURTIS MAYFIELD, JOHNNY "GUITAR" WATSON; HERBIE HANCOCK; WAR; LABI SIFFRE, MACEO PARKER; GIL SCOTT-HERON, MANU DIBANGO, BILL WITHERS oder STEVIE WONDER.

Eine der einschneidensten Erfahrungen auf der Tanzfläche war für mich damals "F.U.N.K." von Betty Davis (siehe auch meine Setlist bei "15 Minutes of Fame"). Der Song war schweineharter und roher Funk um eine kreischende und stöhnende Frauenstimme, die den großen des Genres ihre Referenz erwies (vielleicht kamen so Daft Punk auf ihr "Teachers"). Da konnte man schon mal ein nasses Höschen kriegen. Unvergessen geil waren auch Joe Bowies DEFUNKT mit ihrer 12``-Version von "The Razor`s Edge".

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sich im "Graffity" bei aller funky und soulful Arschwackelei auch mein Wissen über 70er Rock erweiterte. Besonders beliebt waren obskure, drogengeschwängerte Songs von duften Gruppen wie RARE EARTH, SWEET SMOKE oder CAROLYN MAS. Wenn dann noch die mindestens 13-minütigen Live-Versionen gespielt wurden, die durch aufeinanderfolgende Soli von Saxophon, Bass, Orgel, Gitarre und Schlagzeug veredelt waren, konnten die Haare gar nicht lang genug sein. Gedankt sei an dieser Stelle besonders dem damaligen DJ Martin Langer. Dann kamen auch immer mehr HipHop
(z.B. The 7A3 "Coolin in Cali") und, tja, Acid Jazz (z.B. Galliano "In the pursuit of the 13th note oder der suuuuuuuper Sampler "Acid Jazz and other illicit grooves") auf. Unterdessen entwickelte ich großen Ehrgeiz, all die tollen Songs und Platten aufzutreiben und zu kaufen. Das ging z.B. so:
Patrick: "Hi Martin!"
DJ: "Hi!"
Patrick: "Was läuft denn da grade?"
DJ: "Killer inside me" von MC 900 FT Jesus"
Patrick: "Von wem?"
DJ: "MC 900 FT Jesus! So`n Typ aus Dallas. Starkes Album aber nicht alles tanzbar."
Patrick:"Hört sich gut an."
DJ: "Das letzte Stück auf der ersten Seite ist auch geil. Das spiel ich später."
Patrick: "Kann ich mir die Platte mal ansehen?"
DJ: "Klar."
Tja, Kinders, das waren Zeiten, als die DJs noch mit dem Fahrrad zum Club fuhren und Schallplatten noch DM 19,95 kosteten. Am Montag dann gleich in den Plattenladen und die Scheibe ungehört gekauft. So habe ich heute eine nicht unerhebliche Anzahl von One-Hit-LPs, die mir bis auf den einen "Graffity"-Song nicht viel Freude gemacht haben (MC 900 FT Jesus hat sich dagegen zu einem meiner All-Time-Favourites entwickelt). Gegen Ende der "Graffity"-Ära, so 93/94, war es dann soweit: ich durfte selbst im "Graffity" auflegen. Skurriler Abschluss meiner kurzen DJ-Karriere war der letzte "Graffity"-Abend überhaupt. Voller Freude war ich aus Gießen angereist, nur wußte außer mir und dem Betreiber keiner, dass das "Graffity" noch mal geöffnet war. Und jetzt mein Beitrag zur Legendenbildung: der absolut letzte Song im "Graffity" war "Attica Black Vocal" von "BLACKALICOUS". Im Nachhinein zwar kein tödlicher Steilpass aber doch ein raumöffnender Flügelwechsel für das, was danach mit dem Tempel folgen sollte.


Warum die TREIBGUT-Parties seit neustem nicht mehr kostenlos sind...
Valerian (02.09.2002)

Datababes veranstaltet seit einem halben Jahr auf der Rheinterrasse in Konstanz die monatliche Partyreihe TREIBGUT.
So konnten unsere Gäste nicht nur regionale DJs wie DJane Skitara, Mellokat oder Jonas Ritter hören, sondern z.B. auch internationale Gäste wie das Belgradeyard Soundsystem & Bojan Mitrovic (Radio b92, Belgrad) erleben, ohne dafür auch nur einen Euro zu bezahlen.

Bisher war der Eintritt frei, weil Datababes eine non-profit-Organisation ist und es Teil unseres datababschen Selbstverständnisses ist, nur dann freshe Musik und Underground-Kultur bieten zu können, wenn wir uns nicht in diese Maschinerie aus Kommerzmusik/Mainstream-Anbiederung und den dementsprechenden Mechanismen aus gesponsorten Flyern, hohen Eintritten etc. einsaugen lassen und ganz einfach nicht den Fokus auf das Geldverdienen legen.
Der Fokus liegt bei Datababes auf dem Schaffen einer Gegenkultur zu den lokalen Auswüchsen an schlechter Musik bei hohen Preisen und vor allem in der Präsentation neuer, interessanter DJs, Live-Acts und Musikstile. Die bisherige Geschichte unserer Events demonstriert das auch ganz gut.
Tatsache ist, dass die Datababes persönlich viel Zeit und Mühe investieren, um unser Sache weiterzuführen. Eine weitere, weitaus unangenehmere Tatsache ist die, dass die einzelnen Babes auch Geld in die Sache stecken und das geht so nicht weiter, weil es uns die Motivation und die grundlegende Möglichkeit raubt, überhaupt weiterhin Parties zu investieren....Plakate wollen kopiert, Servermieten müssen bezahlt werden. Dh. Datababes braucht innerhalb des eigenen Non-Profit-Konzepts die Möglichkeit, im Einzelfall Geld zu verdienen, um in anderen Fällen, Projekte wie die Datababes-Ausstellung im Neuwerk zu subventionieren. Die Kosten reinzubekommen ist überlebensnotwendig für Datababes und ganz einfach das mindeste; -darüberhinaus erhalten wir uns so die Freiheit von Sponsoren und kommerziellen Allianzen.

Der für die TREIBGUT-Parties relevanteste Punkt ist der, dass wir oft auch DJs von ausserhalb holen. Selbst wenn diese DJs Teil des weitläufigen Datababes-Netzwerkes sind und aus purer Sympathie für die Datababes-Idee für weit unter ihren normalen Gagen zu uns kommen, gibt es einfach Kosten, die bei der bisherigen Preispolitik nicht zu bezahlen sind. Das heisst, wenn wir dem Publikum neue, heisse DJs von Anderswo präsentieren wollen, kosten die ganz einfach Geld und das ist eine Sache, die wohl jedem einleuchtet.
Ich denke, es ist nachvollziehbar, dass Partykultur auch Geld kosten darf und sie muss überleben können.

Ich weiss, dass Diskussionen um Eintrittspreise eine Art deutscher Volkssport sind. Die meisten Leute verkennen einfach, wieviel Arbeit und Kosten in manchen Parties stecken und komischerweise wird immer dort gemosert, wos ohnehin schon billig ist (z.B. Neuwerk-Parties: dort (bei Getränken zum Einkaufspreis und ggf. überregional bekannten DJs) wegen 5 Euro Eintritt am Eingang rumzumachen, lässt mich echt am Geisteszustand mancher Leute zweifeln), während man an anderer Stelle in Konstanz ohne zu zögern das dreifache für eine Party "ohne Grenzen", oder mit dem slogan "schön, willig, billig" bezahlt.

Ich hoffe also, dass unsere liebe Zielgruppe versteht, warum auch unsere Parties Eintritt kosten und wir eben auf diese Art weitermachen wollen und müssen.

Mehr zu Rheinterrassen-Eintritten auf der website der Kollegen von Relaxed-Clubbing/Vast-Minutes


Musikalische Lebensgeschichten - Fundgruben und Leichenkeller - Teil IV
Stino (14.04.2002)

Da wird also im Forum wieder verstärkt nach musikalischen Lebensgeschichten geschrieen. Warum bloß? Liegt es vielleicht daran, daß man geneigt ist, zu glauben, daß man einen Menschen anhand seines Musikgeschmacks beurteilen kann? Dann wäre eine musikalische Lebensgeschichte ja zugleich eine Lebensbeichte, unter Umständen gar ein Outing...

Angefangen hat es, nein: sozialisiert worden bin ich von "Formel Eins" (Nena, Kim Wilde, Trio) mit Peter Illmann, ferner von meinem Cousin, den ich bewunderte und dessen Musik ich folglich gehört habe. Das waren die Dire Straits, Mike Oldfield, Pink Floyd, Novalis (!) und gottseidank auch Jethro Tull und Led Zeppelin (na, wenn das kein Outing ist, was dann?). Die ganzen achtziger hindurch hab ich von diesem Grundstock gezehrt, ihn ausgebaut mit bretonischem Folk zwischen Tri Yann und Alan Stivell und abgeschmeckt mit Liedermachern wie Suzanne Vega oder Hannes Wader, irgendwann sogar Franzjosef Degenhardt. Die erste Offenbarung (nach Tubular Bells...) war "thick as a brick" von Jethro Tull, so gegen '87. Da bekam ich zum ersten Mal eine Idee davon, was eigentlich geht in der Musik, was für ein Irrsinn ein Konzeptalbum sein kann. Etwa ein Jahr später kam dann die zweite prägende Platte ins Hörbild: "Sheik Yerbouti" von Frank Zappa. (Ich kann bestimmt die Hälfte der Texte aus dem Stegreif singen...) Was für ein Ding! Wenn "Thick as a brick" die Entdeckung der Ironie in der Musik für mich gewesen ist, dann war die "Sheik" das Ding, das einem zeigte, was man mit Ironie eigentlich alles anfangen konnte, wenn man nur konsequent genug drauf war. Die Platte, die meine Mutter hassen würde, wenn sie nur verstehen könnte, worum es eigentlich geht. Und verdammt nochmal diese Gitarre! Eines Tages kam dann dieser Mensch, der mir den Herrn FZ nahegebracht hatte (tarwin) mit diesem unsäglichen Schwachsinn an, den Sisters of Mercy. Böses Foul, durchgefallen! Ich ließ mich inzwischen von anderem beeinflussen, hörte die Platten meiner Freundin, war folglich begeistert von Hendrix, Muddy Waters, Aretha Franklin, den Stones und nicht zu vergessen vom göttlichen und kaum je erreichten Van Morrison. In einem Anfall von Geltungssucht hatte ich mir was von Nuclear Assault zugelegt. Wegen der Texte. Glaubte ich aber selber nicht. Die Platte ist heute noch so gut wie neu, ich hab sie vielleicht drei mal gehört. (will sie jemand? Ernsthafte Gebote an meine mailadresse)

So um diese Zeit schlich sich trotz aller Widerstände (musikalische Kinderstube und so. Lieben Sie Tschaikowski? Nein? Ich schon. Aber Brahms können sie vergessen...) der Schmutz ins Hörbild. Es begann so harmlos. Midnight Oil, die Ende der achtziger mit "Beds are burning" einen bescheidenen ökologisch korrekten Hit hatten, stellten sich bei näherem Hinsehen als brachiale Prä-wave-Combo heraus und Nomeansno haben eigentlich schon immer saugeile Musik gemacht. An dieser Stelle wäre es eigentlich Zeit dem Zündfunk (B2) zu danken, weil er es damals freundlicherweise quasi unentgeltlich (liest die GEZ mit?) übernommen hat, mich musikalisch weiterzubilden, aber ich will ja keine Schleichwerbung machen, zumal man in Konstanz mit fm4 den definitiv trendigeren Sender empfängt. Dann kam grunge, dieses rotzig-blutige Ding, wobei mir Kirk O'Bain zunächst wirklich ein Spieler bei Manchester United hätte sein können, weil Pearl Jam viel besser gerockt haben (und heute wenigstens noch leben, wenn sie schon keine gute Musik mehr machen). Die "ten" von pearl jam war meine dritte Epiphanie. Dieser Schmerz, diese Wut! Roger Waters war eine elende Lusche, ein Muttersöhnchen! The Wall, pah! Und endlich kamen auch die Sisters zu ihrem Recht. Dank ihres Geniestreichs, auf dem Remix von Temple of Love Ofra Haza (the late...) singen zu lassen, wurde ich zum gothik-Enthusiasten und verstand endlich, was tarwin an SOM, den Fields und auch schon Type-O-Negative finden konnte. Herrlich! Love of my life (Nein! Das war Zappa). Techno oder wasauchimmer war damals noch kein Thema, schließlich musste ich meine Jugend nachholen und erstmal richtig unzeitgemäß leiden, besonders, als FZ am 4. 12. 93 endgültig den Arsch zugekniffen hat. Irgendwann bin ich auch darüber hinweg gekommen und Mitte der Neunziger kam dann auf einmal Jungle mit Goldie und Triphop mit Portishead und Tricky und dann gab es plötzlich Leute wie Fatboy Slim, die mich abzulenken verstanden und von Zeit zu Zeit stolpert man über dieses weirde Zeug, das Godspeed you black Emperor oder Sigur Ros absondern und man ists zufrieden. Irgendwann sieht mal einfach ein, daß man als Dreißigjähriger verloren ist, wenn man versucht, ein halbes Jahrhundert Pop- oder vielmehr Rockgeschichte zu verstehen, ganz abgesehen von dem Jahrtausend, das uns die sog, E-Musik bietet. Ich verlass mich auf meine Nase für Glückstreffer und fülle ansonsten fleißig meinen back-catalogue auf (eine Lebensaufgabe/ wer hat was von Terry Reid?). Zur Orientierung meine all-time top five der Album-Charts:

1. Jethro Tull: thick as a brick
2. Frank Zappa: Sheik Yerbouti
3. Pink Floyd: wish you were here
4. Pearl Jam: ten
5. Smashing Pumpkins: siamese dream
(Es passten nicht mit aufs Bild: Foo Fighters, Afghan Wigs, Type-O-Negative, Red House Painters, Tortoise, etc.)

Und dabei stelle ich fest, daß es einfach so nicht funktioniert. Es ist nicht annähernd vollständig/genug. Das ist das Problem mit euren musikalischen Lebensgeschichten: Jeder halbwegs an Musik interessierte müsste einen kompletten Roman schreiben, um seine Geschichte ansatzweise erschöpfend zu erzählen. Ich hab versucht, mich auf das Wesentliche zu beschränken und dabei festgestellt, daß das Wesentliche die Vielfalt und die ganzen kleinen Geschichtchen drumherum ist und die geb ich nicht so gern zwischen Tür und Angel her...


It was a very good year - Drum and Bass Jahresrückblick 2001
Valerian (04.01.2002)

2001 war ein Drum and Bass-Jahr. All den 2000er-Unkenrufe, -von De-Bug über Groove bis zu den Ignoranten der Spex, zum Trotz war Drum and Bass einer der massgeblichste Partymotoren in der deutschsprachigen Musikszene.
Eine Flut von Veröffentlichungen sorgte für Diversifizierung und Auslese nach Qualität. Das Genre Drum and Bass häutet sich und eine wunderschöne Schlange mit Goldkrone schlängelt in neue Bereiche:
Deephousige, minimale Ansätze wie von Marcus Intalex brachten Tiefe, Oldschool-Anleihen und Ravefanfaren (Aquasky, John B.) brachten zum Schwitzen und Drum and Bass zurück in die großen Hallen, großartige Vocaltracks (Kosheen, J. Majik) eroberten Charts und Mädchenherzen, die Rythmen von Cause 4 Concern steckten alle Kunststudenten-Klangforscher-Rumstehprojekte in die Tasche und die mönchischen Kooperativen Bad Company sowie Ed Rush&Optical gewannen mit Acid-Schwerten und bassbombenwerfenden Luftangriffen Schlachten, zu denen die Technowelt mit antiker leichter House-Kavallerie und den Sauggummi-Pfeilen des Elektro-Pops anrückte.
Die internationale Drum and Bass-Szene emanzipierte sich von ihrer Übermutter England und so waren es die deutschen Veröffentlichungen von Basswerk bis Precision, die Avantgardisten der Westküste (Ufo!, Pieter K, JuJu), der düstere Norweger Teebee und die freundlichen Brasilianer Marky und Patife, die den Sound weiterentwickelten und den englischen Posern einen Spiegel vorhielten, in dem sie alt aussahen. Die deutsche Drum and Bass-Szene wuchs enorm zusammen und in keiner musikalischen Subkultur ist der Zusammenhalt, das Interesse sich gegenseitig über Stadtgrenzen kennenzulernen, sich auszutauschen und zusammen zu produzieren, so hochentwickelt. Die Drum and Bass-Foren wie z.B. auf www.drumbase.de zeugen davon, wie groß das Interesse in der Szene ist, die eigene Entwicklung zu optimieren und die Musik von verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Parties und neue lokale Szenen wachsen wie Pilze, -die erfolgreiche Konstanzer Basslastic oder die reichhaltige Szene in Zürich (mit Kollektiven wie mute) sind regionale Beispiele.
Es ist interessant, dass sich aus dem grassrootigen Jungle der 90er Jahre diverse verschiedene Styles entwickelt haben, die ihrerseits wieder Einfluss auf andere Musikrichtungen wie NuBreaks, R`n`B und Garage ausüben.
Gute Platten und lebendige lokale Szenen ergänzten sich in diesem Jahr perfekt.
Dennoch gibt es auch Schatten: Mir scheint die Szene als solche auseinander zu driften, -verschiedene Styles, verschiedene Leute
und so scheint auch jene einst so homogen freundliche Drum and Bass-Szene mancherorts einen hohen Anteil an Proleten und Druffi-Kids angezogen zu haben, denen der Sound nicht hart genug sein kann. Auf einem ganz anderen Blatt stehen vielerorts Probleme mit Locations und Clubbesitzern, die Drum and Bass eine geringere Priorität gegenüber House, Latinfunk und Chartmusik zuordnen. Es scheint, als könne man mit Mainstream und belangloser Untermalungsmusik mehr Geld als mit Drum and Bass-Publikum machen, doch beweisen nicht zuletzt in Konstanz einige leere House- und SchickSchick-Läden, dass das Clubpublikum Lust auf neue Stile und dicke Bässe hat. Notorisch ist die schlechte Bezahlung der Drum and Bass-DJs. Sind wir zu gutmütig?

Protagonisten waren im Jahre 2001 auf dem internationalen Parkett Total Science, deren minimaler, hektischer Stil in Dutzenden Veröffentlichungen (z.T. unter Pseudonym) Aufmerksamkeit erfuhr, die Sound-und Beat-Avantgardisten Cause 4 Concern, der ruhige Groover Markus Intalex, Düstermelodiker Teebee und Sonic & Silver, die das Traditionslabel Reinforced wieder zu Ehren brachte. Die Liste kann weitergehen: Kosheen, Klute, Aquasky, Kemal, Carlito & Addiction und Andy C produzierten tolle Tracks und lieferten denkwürdige DJ-Sets ab. Enttäuschend für mich die Stars des letzten Jahres: Bad Company, die trotz diverser EPs nur einen Hit zustande brachten und mit musikalischen Platitüden eine teils unangenehme Pogomentalität in die Szene brachten. Schlimm auch Poserfinger Panacea, der sich bei Veranstaltern durch Zerstörungswut und pures Arschlochsein unbeliebt machte und nicht an seine musikalischen Innovationen der letzten Jahre anknüpfen konnte. Lauwarm auch Altmeister Roni Size, dessen Reprazent-Album "In the mode" zwar einige Hits bot (Snapshot, Lucky Pressure) aber auch viele offensichtlich schwache Tracks enthielt. Viele der teuren alten Garde (Fabio, Goldie, Grooverider, Hype) sieht man als DJs seltener, da innerhalb der deutschen Szene eine Reihe exzellenter DJs und Producer zum Zuge kommt, die das Bedürfniss nach englischen Luxus-Importen ersterben liessen. Allen voran The Greenman vom Kölner Label Basswerk, der einige der jahresbesten Tracks verursachte und eine ganze Garde toller Eigengewächse der starken lokalen Szenen Ruhrgebiet (SSB, Phoneheads), Rhein-Main (Miguel Ayala, Kabuki, MC Ronin), Berlin (Hard Edged, MC Santana), Mannheim (U3R etc.) organisierten und bespielten eine Reihe großartiger Parties und etablierten Clubs und Labels.
Für das nächste Jahr gibt es viel zu hoffen, denn die deutschen Labels etablieren sich und bieten neuen Künstlern bessere Veröffentlichungsmöglichkeiten. Parties laufen stabil (z.B. Mute-Parties in Zürich, Basslastic in Konstanz, Mahatma/Ulm, Phaze/Mannheim) und die Drum and Bass-Welt ist allgemein größer geworden. Deutsche, kanadische wie amerikanische Künstler veröffentlichen auf englischen Labels und umgekehrt und viele gute DJs sind in der Regel in Autoentfernung zu hören.
Schöne Zeiten für einen Drum and Bass-Fan, wie ich es bin und späte Ehren für eine Musikrichtung, die durch starken Weiterentwicklungszyklen und -willen glänzt und sich durch eine kommunikative Ader, stilvolle Verwendung von visuellen Mitteln (schöne Flyer, Visuals) und ein angenehmes tanzfreudiges Publikum auszeichnet.


"Warum Raver kein Schimpfwort sein sollte" oder "Die Ungnade der späten Geburt"
killerPOKE (25.12.2001)

Das Jahresende nähert sich, es weihnachtet sehr und in dieser gar so besinnlichen Zeit entfährt auch mir in der Entspannung der elterlichen Badewanne so mancher - nein, nicht Furz... - rührseliger Gedanke um Vergangenes und Kommendes.
Erschwerend hinzu kommt bei meiner Wenigkeit auch mein Geburtstag am 2. Januar, was zwar mit zunehmenden Alter für eine wachsende Jahresanfangsdepression sorgt, aber auf der anderen Seite auch entscheidende Vorteile hat. Erstens gibt es einem eine gute Gelegenheit, die unrealistisch guten Vorsätze für das neue Jahr schon nach einem Tag zu brechen, zweitens erlaubt es eine Revision derselben, so daß man mit verbesserten (sprich abgeschwächten) Vorsätzen V2.0 bequem ins neue Lebensjahr startet, diesmal bei mir ins sechsundzwanigste.
Dies wird einige von denen, die mich kennen, wohl ziemlich verwundern. Ja, ich werde tatsächlich 25 Jahre alt, auch wenn man es mir im Regelfall nicht ansieht. Dank meiner "entspannten" Körperhaltung und meiner Liebe zu Kapuzenpullis und weitgeschnittenen Hosen trage ich die Würde meines Alters lediglich in Form von zunehmender Versilberung meines Kopfhaares mit mir herum.
Dies verschließt mir zwar den Zugang zu der Welt der karrierebewußten und gut gekleideten Jungakademiker und -arbeitnehmer, aber dafür genießt man eine bequeme Narrenfreiheit und auch eine bessere Vertrauenslage beim Wandeln im Nachtleben (abgesehen davon, halte ich die Erfindung des Kapuzenpullis für eine der größten intellektuellen Leistungen der Menschheit, gleich nach der Quantenphysik und der Newtonsche Mechanik und fühle mich daher ohne recht schnell "verkleidet").

Dennoch, die Zeit bleibt nun mal nicht stehen. Könnte ich es in schriftlicher Form tun, würde ich jetzt den fanatisch feurigen Blick des verrückten Wissenschaftlers aus "Star Trek - Generations" aufsetzen und von der Zeit, als dem Feuer, in dem wir verbrennen, schwadronieren. Neben dem gängigen Adoleszenznightmare ("25 und noch nicht mal nen Bachelor", "25 und noch nie eine vernünftige Beziehung geführt", "25 und der 20-jährige Lackaffe im Fernsehen erzählt mir was von seinem eigenen Plattenlabel..."), an den sich Mensch ja doch eher schnell gewöhnt, plagt mich aber eine ganz andere Sehnsucht, als die Flucht in ein Energieband in dem ewige Glückseligkeit herrscht wie bei Star Trek... mein "Nexus" sind nämlich vielmehr die 90er Jahre und die Wurzeln dessen, was wir heute als die Selbstverständlichkeit der elektronischen Musik- und Clubkultur hinnehmen.
Die Älteren unter Euch mögen sich vielleicht noch erinnern: Mit dem Zitat von "der Gnade der späten Geburt" provozierte Altbundeskanzler Kohl vor vielen vielen Jahren zum x-ten Male einen Eklat und, wie sollte es anders sein, mal wieder mit Bezug auf das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg. Zugegeben, ich habe die Diskussion um dieses Zitat nicht mehr in Erinnerung und kann auch nicht mehr ganz nach vollziehen, wieso sich ein Bundeskanzler in den 90ern (oder waren es sogar noch 80er?) dafür verantworten muß, nicht als Kind aktiv am Widerstand teilgenommen zu haben oder es nicht bereut, damals einfach zu jung gewesen zu sein. Aber das ist jetzt auch unerheblich. Für mich persönlich als Mitglied der wohlgenährten Nicht-Kriegs-Generation des Jahres 1977 (der deutsche Herbst führte bekanntlich weder zur Austeilung von Lebensmittelkarten, noch zum Notabitur) stellt sich eine ganz andere Frage, nämlich die Frage nach der "Ungnade der späten Geburt".
Um genau zu sein: warum hatte ich denn um Gottes Willen nicht 3-4 Jahre mehr Zeit, um mich auf die 90er vorzubereiten? Warum mußte ich bloß so viel verpassen? Und warum haben wir seit dem so viel verloren?
Während sich zur Zeit im allgemeinen Hype des 80er-Retros Teenies und Frisch-Twens massenweise einer Zeit verschreiben, deren Lebensgefühl und deren Ausdrucksformen sie allenfalls oberflächlich k(o/a)pieren, steht mir der Sinn nämlich vielmehr nach den vielgeschmähten 90ern, die ich wenigstens selbst miterleben durfte, aber als Opfer der "Ungnade der späten Geburt" altersbedingt nicht wirklich so auskosten konnte, wie ich es heute gerne getan hätte. Sicherlich kann ich mit grad mal 25 Lenzen kaum als 80er-Jahre Experte gelten, aber immerhin sind mir Philip Boa, Jupp Derwall, der Falklandkrieg, der Mexikokäfer, Dead Kennedys, Paul Breitner, Brockdorf, Wackersdorf, SS 20, Opel Manta, SDI und Pershing 1A noch Begriff genug, um die benieteten und Stachelhalsband-tragenden Pseudo-80-Rave-Punk-Mäuschen in der heutigen Clubkultur als recht alberne Karrikaturen zu empfinden.
Aber wo zum Teufel bleibt mein Nineties-Revival? Wo und was sind die Insignien der 90er Jahre, damit ich sie endlich zur Schau tragen kann? Oder ist der Abstand noch zu klein, daß die Masse gar nicht merken würde, daß ich Revival zelebriere und nicht einfach nur schlecht angezogen bin? Wo bleibt der Trend, der mir erspart für alte Jungle oder Oldschool-Breaks-Platten hunderte von Mark hinzublättern, weil die Dinger von damals endlich nachgepresst oder zumindest geremixt werden, weil sie schlicht und einfach der Hammer sind? Wie kann es sein, daß die Mehrheit (selbst unter den Informierteren) in den längst peinlichen Großveranstaltungen à la Streetparade und Loveparade noch das Erbe des Technos und der 90er Jahre sehen, wobei mittlerweile selbst zweifelhafte Größen wie Sven Väth und Marusha davon Abstand nehmen? Und wer hat die Loveparade eigentlich in einen Karnevalsumzug für die ganze Familie verwandelt?
Nun, es wird also Zeit, daß man sich wieder ernsthaft mit den 90ern, Ravern, Techno etc beschäftigt, denn wenige sind es nicht, die so denken wie ich. Sonst würden die alten Platten nämlich auch nicht mit derartigen Preisen zu Buche schlagen und zumindest unter den Freunden der schnellen Breakbeats, wird mein 90er-Retro-Film schon lange gedreht. Es gilt also, aus der undifferenzierten Antipathie und meiner Begeisterung den wahren Kern herauszuschälen und die Aspekte der 90er herauszufiltern und zu zelebrieren, die mich geprägt haben, aber noch viel mehr die Dinge zu beachten, von denen ich gerne geprägt worden wäre. Wenn dies gelingt, winken nämlich nicht nur tränenfeuchte Retro-Augen, sondern vielleicht auch eine neue Dynamik und frischer Wind in den muffigen und festgefahrenen Stilschmieden der Jahrtausendwende.
Streichen wir also zunächst mal die unschönen Dinge der 90er: da wären zunächst mal der gesamte Jugoslawienkonflikt, die Neo-Nazi Welle mit den "Highlights" Rostock und Mölln, der Völkermord in Ruanda und etliches derartiges mehr... aber das war auch nicht wirklich so prägend für die Jugend- und Popkultur in dieser Zeit, zumindest nicht in der ersten, besseren Hälfte der 90er. Irgendwie hakte man das alles als unumgängliche Auswirkungen vom Ende des Kalten Kriegs ab, das wiederum wie ein gigantischer Daumen-Nach-Oben über dem Jahrzehnt schwebte und sicher viel größere Auswirkungen hatte.
Mit welcher Geschwindigkeit auf einmal die atomare Abrüstung loslegte überforderte die Veranstalter der altbekannten Ostermärsche ja so sehr, daß gar nicht schnell genug in kleinere Waldlichtungen und vor kleinere Bundeswehrdepots verlegt werden konnte. Während also die Friedensbewegung nur noch in kleinen Hallen spielte und die für mich als Wessi-Jugendlichen ohne jeden Ost-Bezug irgendwo unerhebliche Wiedervereinigung mehr oder weniger klar ging war, fanden die jetzt auf einmal wirklich wichtigen Dinge statt:
In der Atmosphäre eines wiedervereinten Berlins, das plötzlich die Rolle einer kulturellen und politischen Metropole einzunehmen hat, wird ein riesiges Brachland von hunderten möglichen Club- und Partylocations in den kollektiven Freizeitpark verwandelt, den Kanzler Kohl so bemängelte. Neue Musikstile, neue Formen des Feierns, neue Drogen stehen ahnungslosen Medien, Meinungsmachern und Ordnungshütern gegenüber. Elektronisch erzeugte Tanzmusik, die die Mehrheit der Bevölkerung als debilen Krach empfindet, entwickelt eine ungeahnte Dynamik, durchzieht die westliche Welt (bis auf das weiße angelsächsische Amerika) und trägt eine Botschaft, ohne die es Datababes sicher nie gegeben hätte:
Technik nicht mehr als der böse menschenverachtende Kettenhund der Industrie und der Mächtigen, sondern als kreatives Instrument auf der Seite der Guten und ästhetischer Organismus von Menschenhand.

Die neuen Werte und diese angewandte "neue Weltordnung" wird von der alten Welt nicht verstanden. Stahlarbeiter, Sozialpädagogen, Lehrer und Polizisten sind genauso ratlos wie Jute-Taschen-Träger, Titanic-, TAZ- und FAZ-Redakteure...
Eine optimistische und positive Erwartung ans Leben, an die Zukunft, an die Menschheit? Technik als Symbol von Selbstverwirklichung und Kreativität? Seit wann gibts denn sowas?

Das als Raver oder Technofans bezeichnete Menschensammelsurium, das ausgehend von den Großstädten Nachahmer im ganzen Land findet, prägt eine selbstverständliche und keine ideologisch-verordnete Toleranz (nennt man das dann besser Ignoranz?). Alle Minderheiten und Hintergründe werden akzeptiert, der harmlose Computerfreak mit Brille neben dem SM-Mega-Gay in Ledermontur. Wie presste es uns Larry Heard auf Mr. Fingers' "Can you feel it" so schön pathetisch: "In the beginning there was Jack and Jack had a groove. (...) you may be Black, you may be White, you may be Jew (...) this is our house and our house music!". Zuhören mußte man Larry Heard übrigens nie. Er war nicht wie andernorts der Prediger, sondern eher Kommentator und Beobachter und das Sample hat sich halt auch geil angehört...
Ob Religion, politische Ideologie, sexuelle Orientierung oder sozialer Status, nichts spielt eine so große Rolle, daß es nicht gegenüber dem simplen Feierwillen, der Friedfertigkeit und der Lebensfreude in den Hintergrund treten würde. Das bescheidene Schwelgen im Augenblick und in der Ästhetik des Alltags wird selbst unter den hauptberuflich Alternativen salonfähig: nicht mehr die Reise nach Indien mit Sitar-Klängen, sondern der Containerbahnhof im Sonnenaufgang mit den Geräuschen der S-Bahn werden ästhetische Heimat. Das Schweine-System mit seiner ach-so menschenverachtenden Arbeits- und Lebenswelt wird über Nacht vom Feind zum geduldeten, manchmal sogar verehrten Vater aller der Dinge. Die Großstadt ist wieder die Vision, nicht der Öko-Bauernhof im Sauerland.
Während die einen in den Großraves und Paraden Selbstaufgabe, Kritiklosigkeit und Reichsparteitage der Oberflächlichkeit sehen, amüsieren sich die anderen so gut, daß sie sich zu heute lächerlich anmutenden Ideen wie der "raving society" hinreißen lassen, dem besten Garanten für Frieden und Glückseligkeit zu dem sich wohl ein Amphetamin-geschwängerter Kopf hinreißen lassen kann. Neue Ziele, wenige Parolen, kein intellektueller Unterbau nötig: Nicht mehr der Marsch durch die Instanzen, sondern der Tanz durch die Nacht und der ultimative Hedonismus als Antwort auf die ach so dringenden Themen der Zeit. Die Abkehr vom kollektiven Selbstmitleid der ewig jammernden Alternativen und politisch Linken und die Hinwendung zu angewandtem Liberalismus und der totalen Selbstverwirklichung. Endlich auch Schluß mit den ganzen Schubladen der Jugendkulturen, denn während die Provinz noch damit beschäftigt ist, sich nach außen hin perfekt als Punk, Metaller, Grunge-Jünger oder Skin darzustellen (die richtigen Schnürsenkel mit den richtigen Farben, Docs und Jeansjacken vorausgesetzt), liegen sich in den Städten die ehemaligen Gegner mit weiten Pupillen in den Armen und tauschen Begeisterung für Beats und Bässe aus. Die alten Regeln zählen einfach nicht mehr.
Ohne zu wissen, was eigentlich geschieht verlieren die Gitarrenfetischisten in den Jugendheimen massiv an Boden. Plattenkonzerne schustern in Windeseile irgendwelche Dance Departments zusammen, um der Entwicklung Rechnung zu tragen. Doch diese schaffen es kaum Schritt zu halten, denn dieser neue Sound kommt aus billigen Drumcomputern, 8-Bit-Samplern, Atari STs und Amigas und nicht aus aufwendigen, teuer finanzierten Studios mit gecasteten Frontleuten. Endlich echte Popmusik, denn sie wird nicht nur von der Masse konsumiert, sondern auch von der Masse produziert.
Aus der gemeinsamen Ursuppe zwischen House, Acid und Techno (öfters auch mal Tekkkno, weil besonders böse...) steigen wohlige Blubberblasen auf, die man heute als selbstverständliche Tatsachen hinnimmt. Da wäre zunächst mal der Club als Austragungsort des Nachtlebens. Während bisher die klassische Dorfdisco eher Kneipen- und die Großdisse eher Vergnügungspark-Charakter hatte, steht nun die Musik und das Tanzen im Vordergrund. Man ist unter sich, unter Gleichgesinnten, aber nicht aufgrund von Aussehen, Geld oder Ansehen, sondern nur verbunden durch die Liebe zur Musik.... naja... und den Drogen. Die waren zwar vorher auch nicht gerade unbeliebt, aber der soziale harmonische "Community-Rausch" von Ecstasy steht im krassen Gegensatz zum Egotripper Kokain, der 80er Nightlife Droge schlechthin. Weite Pupillen wohin man sieht, ob nun von Pillen, Pilzen oder LSD. Wer braucht da schon noch Alkohol? Die verhasste Asi-Droge wird mancherorts noch nicht mal mehr in der Form von Bier ausgeschenkt. Als dann aber mit der Zeit immer klarer wird, daß die kleinen weißen Rundlinge doch mehr Spuren im Körper hinterlassen, als einen bitteren Beigeschmack, driftet die Szene nicht in die Zelebrierung der Selbstdestruktion à la Heroin ab, sondern organisiert Aufklärung, Analyse und Beratung vor Ort.
Eve'n'Rave ist mit seinen ehrenamtlichen sympathischen Papa-Ravern überall vertreten und macht nie den Fehler sich auf peinliche Art und Weise beim Konsumenten anzubiedern, wie es die staatlichen Stellen tun. Schließlich sind die Jungs und Mädels aus demselben Holz-geschnitzt, haben ganz ähnliche Vorstellungen von "Freizeitgestaltung" und nerven einen nicht mit Aufdringlichkeiten. Generell kümmert man sich gerne umeinander, ob es nun um Fahrtgelegenheiten oder das Seelenheil geht.
In der Retrospektive wirkt es fast schon kitschig, wie familiär und kommunikativ - ja fast schon gesellig - es auf den vermeintlichen Drogen- und Sex-Orgien zugeht.
Mit dieser Clubkultur kommt dann auch die Vergötterung des DJs. DJs waren vorher sicher nicht unbeliebt oder völlig egal, aber so wie sich das Ansehen und die Arbeit von DJs im Laufe der 90er Jahre veränderte, gab es jeden Tag neue Erfolgsstories und Sympathieträger, die teilweise den Kult um ihre Person gnadenlos zelebrierten oder wie die Detroiter Underground Resistance ganz anders reagierten - nämlich mit Skimasken und totaler Anonymität. Zwischen dem massiven Egotrip, dem Selbstverständnis als Terroristen bis hinzu der perfekten Umsetzung der Mensch-Maschine, wie sie Kraftwerk propagiert hat, ist alles vertreten.
Das Zeitalter der pathetischen Rockdinosaurier auf der Bühne scheint dank dem DJ vorbei, der Pathos findet nun do-it-yourself auf der Tanzfläche statt. Sensationelle Knutschorgien und meditatives Arm-Gefuchtel bei den Gänsehaut-Pianos-Parts, kollektives Gekreische und Trillerpfeifeneinsatz. Anstatt sich mit der Nackenmuskulatur in Trance zu schütteln, übernimmt diesen Job nun das kranke Geräusch eines billigen zweckentfremdeten japanischen Basssynthesizers namens Roland TB-303, ein Gerät, das so prägend und unersetzlich wird, das es noch heute, über 15 Jahre nach der Einstellung der Produktion, mit Tausendern auf dem Gebrauchtmarkt gehandelt wird.
Dessen Acid-Lines ziehen sich minutenlang in immer höhere Sphären, erreichen immer wieder vermeintliche Höhepunkte, die von immer packenderen Sounds getoppt werden. Extase pur. "Sex with the machines", erstaunlicherweise sind es die Vollblut-Rocker aus meinem Umfeld, die den Begriff "musikalischen Orgasmus" im 303-Zusammenhang prägen. Einfach zum Durchdrehen...
Nun, als ob mit der grandiosen Musik, der gewaltigen Dynamik und Geschwindigkeit, der Offenheit gegenüber Technologie und Zukunft, dem kompromißlosen Spaß im Nachtleben und der Freiheit einer Selbstverwirklichung ohne Werte-Diktat von außen nicht schon genug erreicht wäre, kommt als subjektives Bonbon für mich noch etwas hinzu, was ich besonders hervorheben möchte: Drum'n'Bass und Jungle, als die fast schon perfekte musikalische Repräsentation meiner Selbst. Klar, die gesamten Spielarten der "neuen" Musik der 90er, sei es nun Electronica Marke Panasonic, Elektro von Anthony Rother oder die Genialität eines Mike Ink oder Cristian Vogels, packen mich unglaublich, aber eine ähnliche Konstante wie den schnellen Breakbeat und den massiven Bass-Einsatz von Omni Trio bis Dom&Roland gibt es in meinem Leben nicht. Alles kam und ging, von politischen Ideen über Konsumverhalten bis hinzu Klamotten-Trends, aber dies ist seit 1994 geblieben und so schwer solche Prognosen auch getroffen werden können, dieser Sound ist so tief in mir verwurzelt und hat meine musikalischen Denkstrukturen so sehr beeinflußt, daß er mir eher noch Jahrzehnte als Jahre bleiben wird.
Nun gut, es war also eine gute Zeit, aber wieso "Ungnade der späten Geburt"? Habe ich nicht genug davon mitbekommen und ist nicht genug aus dieser Zeit übrig, um davon zehren zu können? Wieso den Wunsch nach einer Zeitmaschine, wenn es schon reicht, sich ein bißchen genauer umzukucken, um Clubs gefüllt mit Gleichgesinnten zu finden und, wie uns die aktuelle Drum'n'Bass-Explosion im Raum Konstanz beweist, ist doch auch genug Nachwuchs da...
Trotzdem, das Gefühl von damals ist weg. Irgendwie ist es nicht mehr dasselbe. Deswegen der Hang zum Retro. Die alten Tracks oder die neuen Remixe lassen wieder kurz das aufleben, was ich immer mehr vermisse, obwohl ich es nur oberflächlich erleben konnte, im Vergleich zum Urgestein, daß schon 1992 die Clubs gefüllt hat.
Zwar ist die Welt noch voll mit den Auswüchsen und Endprodukten der 90er Jahre, aber während der Schokoladenüberzug noch derselbe ist, ist der Teig darunter löchrig und hat eine ganz andere Konsistenz, als ich es wirklich mag. Die "Raveolution" hat es nicht geschafft ihre Inhalte zu transportieren und umzusetzen. Sie revolutionierte nicht, sondern evolutionierte die Pop-Kultur und erweiterte sie um neue Strukturen und Konzepte, doch hat sie dabei jegliche Schärfe und Innovation meistbietend abgetreten.
Das was früher noch besonders war und Faszination ausübte, ist heute Alltagskultur und eine Selbstverständlichkeit: jeder kennt DJs, jeder kennt Clubs. War früher "elektronische Musik" noch ein Begriff mit dem man Ablehnung oder Entgeisterung provozieren konnte (gerade 1993 in einem punk-geprägten 40.000 Einwohner Städtchen), so ist dies heute so selbstverständlich, wie das Amen in der Kirche. Ja, es wirkt heute schon fast angestaubt sich ausschließlich der Elektronik verschrieben zu haben, gerät man doch so in den Verdacht der Oberflächlichkeit und der Gefühlskälte, genau der alten Klischees, die schon fast einmal besiegt waren.
Die Reaktion und die Konterrevolutionäre haben wieder das Heft in die Hand genommen. In der neuen hippiesken Retro-Kuscheligkeit zwischen Esoterikmessen und Pop-Goa-Parties keimt genau das kollektive Gejammere und die System- und Technikfeindlichkeit, die der Urvater Techno auslöschen wollte. Die klare Schönheit der Musik wird mit dem Holzhammer um Bongos und Digeridoos angereichert, der klischeehafte Einsatz von ethnischen Instrumenten aus der Preset-Kiste ist garantiert. Fehlt nur noch die Strick-Slipmat und das Ital-Herbal-Ecstasy.
Mit "New-Metal" und den peinlichen Crossover- und Hardcore-Bands der neusten MTV-Generation wird konservatives Rock-Geschraddel mit Dance- und Hiphop-Ästhetik angereichert, um jegliche Identität zu verlieren, aber dafür enorm massenkompatibel zu sein.
Gerade der Hiphop, der sich wohl zur mächtigsten, populärsten und stärksten Musikkultur der letzten Jahre entwickelt hat, sieht sich eigentlich vor demselben Problem, vor dem Elektronik in den 90ern stand. Obwohl schon viel betagter als das, was in den 90ern als Techno oder Rave gnadenlos popularisiert wurde, wurde er in den letzten 5-6 Jahren letztendlich doch noch zum Hoffnungsträger und zur Melkkuh der Musik- und Modeindustrie.
Ausgerechnet der Hip Hop, der sich im Gegensatz zu der offenen und wenig greifbaren Rave- und Dance-Kultur immer mit einem Kodex, einer klar definierten Lebensweise und einem präzisen Stil-Diktat von allem anderen abgrenzte und offensiv gegen Kommerz und Sell-Out anging, scheint nur noch eine Karrikatur des ursprünglichen Konzeptes zu sein. Diese Wunde sitzt durchaus tief, also verschafft man sich Luft, in dem man wie ein reaktionärer Propaganda-Apparat verbal auf die vermeintlichen Feinde eindrischt.
Neben Nazis und Bullen sind das dann halt auch die "Pillenfresser" und "Techno-Wichser", die es in dieser Form ja fast nirgendwo mehr gibt und die auch in keinster Weise mehr ausschlaggebend sind.
Diese Abgrenzung wird noch lächerlicher, wenn man sich einmal vor Augen führt, warum der Hip Hop wohl überhaupt in der Lage war, sich in den letzten Jahren auf deutschem Boden so zu etablieren: Wäre der Kult um DJs und MCs nicht durch den verhassten Techno und Rave populär geworden und wären die Ohren der Massen durch die Drum-Loops und Beat-Maschinen der Dance-Musik nicht für mechanische Loops und Beats geöffnet worden, hätte ein Samy Deluxe heute weitaus weniger Chance in den Charts.
Genauso hat der Hip Hop aber auch massiv die Clubkultur der Elektronik mitgeprägt, von der Kleidung angefangen über die Sprache bis hinzu dem Konzept der bequemen Rebellion von innerhalb des Sytems. Ganz besonders Drum'n'Bass und Jungle sind massiv geprägt vom Hip Hop, für mich sind die Grenzen da sogar oft fließend, eine Sichtweise gegen die sich viele auf beiden Seiten wehren. Das Selbstverständnis von DJs und MCs als Crew oder Posse und der Lokalpatriotismus mancher Städte sind aber beispielsweise ganz klar Kinder des oft als Schmuddelkind und Proll-Kultur geschmähten Hip Hops, von den Vocalsamples und DJ-Techniken mal abgesehen.
Solche Anwandlungen des Lagerdenkens und der Style-Schubladen sind im Prinzip ja nun furchtbar unerheblich, gerade für den Otto-Normal-Verbaucher, doch zeigen sie, wie sehr die positiven Entwicklungen der 90er unter Druck geraten sind. Sind die Hiphopper und Raver von heute, nun doch wieder die in unzähligen, blöden Witzen verewigten Rocker und Popper von gestern? Sind die Pop-Goa-Hippies und die Konsumenten von elektronisch angehauchter Kompromißmusik (ob man es Dub, Trip-Hop, Downbeat oder Ambient nennen will) nichts anderes als die Reinkarnation der Jute-Taschen und Parka-Träger? Und hat House überhaupt noch irgendetwas, was es von stinknormalem Pop- und Disco-Sound unterscheidet?
Wie eine Konterrevolution sind das Ende der 90er und das neue Jahrtausend mit ihrer Vermarktung und Popularisierung über das hergefallen, was mir ans Herz gewachsen war. Während das Selbstverständnis und das bißchen "Ideologie", das vorhanden war, ignoriert wurde, wurden die Ausducksformen und Äußerlichkeiten absorbiert und assimiliert. In einer zahnlosen und massenkompatibelen Variante leben sie allenorts weiter, aber die Identität scheint verlorengegangen. Acid, Techno, Rave, Jungle, Oldschool, man findet sie überall, auf diese Weise sind die 90er omni-präsent geworden, aber überall in verwässerter und lauwarmer Form.
Da hilft auch kein Jammern und keine Aufrufe, diese Zeiten sind endgültig Vergangenheit. In Retro-Trends und Revivals können wir zwar Teile dieser Zeit wiederaufleben lassen und uns auch ganz diesem Lebensstil verschreiben, aber daß Erlebnis etwas zu schaffen und nicht nur etwas wiederherzustellen, ist wohl nur denen vergönnt, die die 90er von Anfang an im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte durchleben durften. Am 2. Januer 1990 feierte ich meinen 13. Geburtstag, wäre es mein 18. gewesen hätte ich diesen Artikel wohl noch mit etlichen Anekdoten und Geschichten aus der guten alten Zeit würzen können. Damals, als Westbam und DJ Bobo noch gemeinsame Sache machten und die Leute in ihrem ganzen Leben noch keinen Breakbeat gehört hatten und fragten, wieso man den zwei Platten gleichzeitig abspielt. Und so romatisierend es klingen mag, ich hätte dies gerne miterlebt.
Naja. Aber Revival ist wenigstens drin. Die frohe Botschaft scheint von immer mehr gesäht worden zu sein und die Kunde wandert langsam aber sicher im Land herum. Häufig von mir in letzter Zeit zitiert, Aphex Twin: "Raving macht wieder Spaß" und dem ist einfach so. Betrachtet man gerade den Output im Drum'n'Bass Bereich, der sich zunehmend auf seine Wurzeln im Jungle oder im ravigen Sound der Oldschool-Breakbeats und des Happy Hardcores besinnt, so darf man Mut schöpfen, aber die Schlacht ist noch lange nicht geschlagen...
Spätestens seit dem Magensaeure und ich von einem Sechzehnjährigen, der sich als angehender DJ präsentierte, während eines Oldschool-Jungle und Happy Hardcore Sets von 90ties-Retro-Gott TJ Hookah aka Matthis gefragt wurden, was das für komische Trance-Musik sei und was das mit Jungle und Drum'n'Bass zu tun habe, habe ich mir geschworen, von nun an die Fahne der 90er hochzuhalten und mich nicht mehr auf den Wogen musikalischer Trends davontragen zu lassen. Denn sein wir doch ehrlich, das was heute als 80er-Retro für absolut berechtigten Wirbel sorgt und in Form von "Sunglasses" oder "Fischerspooner" die Charts stürmt, wäre für uns doch ohne die Vorarbeit des heute belächelten und mißverstandenen 90er-Technos und der 4-to-the-floor Beats völlig ungenießbar und pathetisch.
Wer würde heute schon noch die simplen mathematischen Bass- und Keyboard-Arpeggios ertragen und dem synthetischen "Ding!" einer Roland Cowbell fröhnen, hätte die totale Technologisierung im vorigen Jahrzehnt nicht den altbackenen Einsatz von Elektronik in den 80ern (Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber man denke nur an Schauergeschichten wie DX7 Presets oder General Midi Drum Sets) keine gründliche Frischzellenkur verpasst und uns damit erst die Augen und Ohren wieder wirklich geöffnet.


Ich sehe jedenfalls schon die bedrohlichen Zeiten heraufziehen, in denen mich meine Kinder für die Mitarbeit in einer Online-Community und dem Tragen von Sneakers auslachen werden. Daß ich mich damals sogar noch als DJ betätigte und solche Pamphlete, wie dieses hier verfasste, werde ich dann besser für mich behalten, um nicht das letzte bißchen Ansehen vor meinen Sprößlingen zu verlieren. Die werden sich dann wahrscheinlich zu den Klängen einer mittelalterlichen Laute im Bäume umarmen messen und sich in seltsamen Zirkeln um Lagerfeuer im Wald sammeln und dabei weder Sex haben, noch Drogen konsumieren, weil das nur Spießer tun.

Musik zum Thema:
Moving Shadow 10th Anniversary Special Edition CD (Chronologie des Breakbeats von 1990-2000!)
Josh Wink - Higher States of Consciousness (legendärer TB-303 Einsatz außerhald des Technos)
Thomas P. Heckmann - Amphetamine (nomen est omen)

Buch:
Friedhelm Böpple, Ralf Knüfer - Generation XTC


Terror Thesen : Der Ruf nach Terror in der elektronischen Musik
Valerian (14.09.2001)

Der Ruf nach Terror und Kampf gegen die Obrigkeit war als Themenkomplex innerhalb der elektronischen Musik eher im Hintergrund gegenüber chilligen und damit oft themenlosen Textfragmenten, die dem hedonistischen Flow in verstärkender Weise folgten oder eben schlichtweg die Runterkommenden "Noch-ein-bischen-schöne-Musik-Aufleger" in ihrem Ziel, eine lauschigen introvertierte Atmosphäre zu schaffen, bestens unterstützte. Greift man sich z.B. die allgemein bekannten Speerspitzen der elektronischen Vokal-Musik, -Massive Attack, Portishead heraus und nimmt die spartanischen Vokalspuren des Drum and Bass und lässt mal HipHop aussen vor, dann wird schnell klar, dass der Aufruf zum Terror in dieser Musik sicher nicht zu finden ist.
Nimmt man sich aber die Spielart des Digital Hardcore mal vor, deren Galionsfiguren Atari Teenage Riot, Ec8or und Bomb 20 ganz deutlich ihre Hipness mit wüsten Kampfansagen gegen die kapitalistischen Systemen gewürzt haben, dann frage ich mich, welche Wirkung die Attentate in New York auf die Aussagen dieser Bands haben. Greift man mal die plakativen Songtitel von Atari Teenage Riot: "Destroy 2000 years of culture", "Start the riot", "The Death of a President" und "The Western Decay" heraus und liest ein wenig in den Texten herum, dann wird zwar klar, dass man es mehr mit Anarchisten und berechtigten Kritikern eines unfairen Wirtschaftssystems zu tun hat, als mit religiösen Fundamentalisten jeglicher Couleur. Trotzdem provoziert die Wahl der Waffen, wie sie in den Songs gefordert wird, den Zug eines Vergleichs mit der berühmten Taliban und nicht zuletzt mit Terrorprinzen wie Osama Bin Laden, die glauben, dass der Satan im Weissen Haus wohnt. Damit gelingt plötzlich nicht mehr jener Kunstgriff (am Ende ist Atari Teenage Riot sowieso auch Pop), die berechtigte Systemkritik und latenten Anti-Amerikanismus unserer Generation mit billigen Attitüden im Sinne von Gewaltaufrufen und der RAF-Ästhetik einer AK-47 zu formulieren und seine eigene Subversivität und ach so undergroundige Haltung mit hasserfüllter Musik und dem entsprechenden Gehabe zu demonstrieren. Will man tatsächlich mit den Kulturfeinden der Taliban assoziiert sein ? "Destroy 2000 years of culture" meint also Buddahfiguren, die Freiheitsstatue und den Louvre ?
Mit wem solidarisiert man sich angesichts der Anschläge der letzten Tage ? Bleiben da gerade jenen Kunstprodukten wie Alec Empire die "Kill, Kill, Kill"-Rufe im Halse stecken oder wie vertritt nun ein alter Genua-Punkrock-Veteran seine Forderung nach Gewalt zur Durchsetzung seiner politischen Ziele ? Auch im aktuellen Mode/Lifestyle-Heft "The Face" ist ironischerweise eine Modestrecke im Stile der Fatah/PLO/Taliban enthalten, die modetheoretisch richtig, die Symbolbeladenheit jener Märtyrer-Mode aufgreift, doch angesichts der Ereignisse unglaublich geschmacklos wirkt.
Atari Teenage Riot sind sicher nicht die einzigen Musiker, die zu Gewalt aufrufen und in den USA die Schlimmsten aller Schlimmen ausgemacht haben. Ich frage mich, was in Bands vorgeht, deren Symbole und plakativen Agitationen sie nun in die Nähe von totalitären Fundamentalisten rückt, die selbst das Abspielen von Musik schon bestrafen. Gehen nun auch in der Welt der elektronischen Protestmusik die Feindbilder aus, wenn bei jeder Konzertreise nach Übersee im Flieger der Puls sich gar nicht mehr beruhigen will und wenn bei aller stillheimlicher Sympathie für palästinensische Anliegen ein Attentat auf Jugendliche, die vor einer Technodisco warten, dann doch einen unangenehmen Kloß im Hals wachsen lässt. Werden sich dann auch die Herren und Damen aus dem Hause DHR und Antifa-Obrigkeitshasser aus den besetzten Häusern über Sicherheitschecks und Polizeipräsenz freuen?
Die symbolische Kraft von Terrorästhetik im Stile, wie es ATR mit SchwarzRot-AK47-Flammen-RAF-Designs vorgemacht hat, ist nur immer dann mit subversiver Coolness ausgestattet, wenn die tatsächlichen Vorbilder nicht aktiv sind und man als Musikgruppe im Popgeschäft (!) eine gefahrlose Assoziation aufstellt, die im Sinne der Marktpositionierung recht einträglich sein kann. Sollte man tatsächlich eine AK-47 in ihrer ursprünglichen Funktion erleben oder wird man Zeuge von Bombenterror im eigenen Land, so verkehrt sich die Kraft jener Symbole ins Gegenteil. Es wäre interessant, ob dann die genannten Bands treu bei ihren Mottos und Styles bleiben würden.
Was ist nun mit allen, die sich Chaos, Terror und Riot gewünscht haben ? Da ist er nun in aller Hollywood-Überrealität und mit Tausenden von Toten und wir alle befürchten irgendwo, dass es uns auch an den Kragen gehen kann. Dummerweise sind diese Anschläge nicht nur ein Fanal gegen den Weltkapitalismus, wo dann alle im Schwarzen Block und links von der Mitte jubeln können, sondern es ist Terror gegen unsere westliche Kultur, zu der auch Satansmusik wie Punkrock und Digital Hardcore gehört. Yo fuck.. so ist das mit der Gewaltbereitschaft, da gehen halt auch Unschuldige drauf, -egal ob sie ne AK-47 auf ihrem Kapuzenpulli haben. Dumm nur für alle Redenschwinger in Sachen linkem Terror, dass gerade die Anti-Liberalisten aus fundamentalistischen Islamkreisen jetzt ernst gemacht haben mit Dingen, wovon andere immer nur schwadroniert haben. Ob da nicht auch bei einigen viel Genugtuung dabei ist, wenn endlich Amerika das widerfährt, was sie in dutzenden Songtexten längst verdient haben, oder schaltet man mit dem "Ende der Spassgesellschaft" plötzlich einen Gang runter mit der Agitation und denkt sich: "Fuck, das hätte auch ich sein können" ?


Musikalische Lebensgeschichten - Fundgruben und Leichenkeller - Teil III
Marla (19.04.2001)
Als ich wiedermal in meiner Musikbox blätterte, wurde ich mir das erste Mal bewusst, was so alles durch meine Gehörgänge gerauscht ist. Am Anfang waren so unterschiedliche Performances, wie der Plastiksound von Stock/Aitken/Waterman (Rick Astley/ Tayler Dayne/ Bros) neben dem Jugendwerk von Michael Jackson (Off the Wall), die ich in trauter Zweisamkeit auf einem meiner ersten Walkman-Tapes wiederfand. Wie wahrscheinlich bei Euch auch, war der Plattenschrank meiner Eltern die erste musikalische Fundgrube. Neben den Stones, den Beatles u.ä., fielen mir so Motown-Sounds, David Bowie und uralte Discoplatten in die Kinderhände. Bald jedoch wurde aus mir erstmal ein echter Hippie. Mit selbstgemachten Klamotten (Wie kommt der Schlag in die Hose?!) und diesen Holzkettenbastelnachmittagen mit den besten Freundinnen: Gackernde Hippiehühner, der Schrecken aller Eltern. Diese Phase wurde mit Bravour gemeistert und es ging straight zu Ziggy Stardust, der Glam-Rock Ikone. Von da war es dann nicht mehr weit zu Saturday-Night-Fever (HÄH?). How auch ever: Auf musikalischem Kollisionskurs mit Rock und Pop, Disco und Soul stieß ich irgendwann auf Acid-House. Ihr wisst es ja sicher noch, die Zeit der gelbgesichtigen Smilies. Nicht mit dem letzten Acid-Rain runtergekommen, hab ich natürlich gleich Profit aus der Hysterie geschlagen und an alle, die das nötige Kleingeld hatten, selbstgemachte Smilie-Buttons verkauft. Die Acid-Chose war auch bald wieder vorbei und Madonna auf einmal viel interessanter. Auch erlebten die Platten des King of Pop ein Revival in meinen Teenie-Ohren, was nicht zuletzt an dem unverschämt gutaussehenden Typen aus dem Nachbarhaus lag, der in meinen Augen genauso gut tanzte wie der King. Ich versuchte im Gegenzug, an Madonna heranzukommen, was mir gründlich misslang. Typ out = Musik von Typ out. Michael Jackson ging, Madonna bis heute nicht. Neuer Typ, neues Glück. Meine Karriere als Skaterchick war angebrochen. Ich skatete selbst nicht übel, aber noch viel besser konnte ich den angehenden Kerlen zuschauen, wie sie ihre Schienbeine mit tiefen Narben schmückten. Erste Berührungen mit HipHop (Beastie Boys & DeLaSoul) und Skaterhardcoresound waren die Folge. Noch furchtbarer wurde es für meine Eltern, als ich über Sisters of Mercy so langsam aber sicher ins Dark Wave Business abwanderte, um den dunklen Mächten zu huldigen. Das AcusticStudio in Radolfzell war der Club in Sachen fiese Musik + fiese Leute = geiler Abend. Nicht zu vergessen die Konzerte von "Das Ich", "Goethes Erben", "The Eternal Afflict", "Silke Bischoff", "Love Like Blood" und "Deadcandance": Schaurig schöne Gesellschaft und die musikalisch dunkle Seite fasziniert mich bis heute. "Projekt Pitchfork" und "Depeche Mode" lösten schließlich meine Techno-Strobo Begeisterung aus. Die Metamorphose von Hippie zu Gruftie, über Discoeinflüsse und Hitparadengeseire zum Technojünger unserer Götter Sven Väth, Jeff Mills, Carl Cox etc. hatte sich erfolgreich vollzogen. Die Spassgeneration hatte über den potentiellen Selbstmordkandidaten gesiegt. Meine exzessiv technoide Phase ist vorbei. Jedoch musste Musik von nun an strictly rhythm and groovy sein. Paraden, Clubwochenenden, Raves und Goa-Parties prägten mein Leben bis '98 (ich habe überlebt). Ich war im musikalischen Lebensziel gelandet: Elektronische Musik in allen Farben und Formen als Club-& Homeculture gepaart mit HipHop und Soul. Shakedelic Sounds sozusagen. In meinem vollautomatischen Relaxsessel gibts auch mal Weichgespültes auf die Ohren: Sade, GeorgeMichael, Björk, Prince, Marvin Gaye und alles, was immer gut war. .....auch wenn sie schon gestorben sind, singen sie noch heute.

Musikalische Lebensgeschichten - Teil II
Crossales (19.04.2001)
....the time of darkness and ignorance....
....the time of musik consumption...
....the musician development...
....The Now... Darkness and Ignorance:
Am Anfang war die Erde still und nur mein eigenes Gekreische konnten mich akustisch befriedigen. So kam es, dass ich mir bereits in frühem Alter gerne selbst zuhörte. Ich glaube es war der Zeipunkt, an dem ich die Windel gegen mein eigenes Töpfchen eintauschte, ab dem meine ersten Audio-Experimente zunehmend abnahmen und die Kreativität ausschließlich auf handfeste Phantastereien in Form von LEGO focussiert wurden. So war ich zwar noch immer mein eigener Klangerzeuger, beschränkte mich aber auf das Kopieren quietschender Reifen und Explosionen. Consumption: Die ersten Erfahrungen sammelte ich mit Reinhard Lacomys Geschichtenliedern, woraufhin eine komplette Filtration der Plattensammlung von den Alten erfolgte. Eine unangenehme Erfahrung, die sich aber schlussendlich doch lohnte. Zwischen Blärrern und Schlagermüll (NanaMouskouri, Julio Iglesias, Vicki Leandros), hatte ich neben den sowiso angesagten Hosen endlich zusätzlichen stuff mit Cat Stevens, Rainhard May und Warren Schatz gefunden. Dank Geschwister-Scholl und einer guten bürgerlichen, linken, konstanzer Subkulturjugend rund um ein eigenes AJZ (in memorandum PANAMA), gabs neben linkspolitischem Zeug wie ...ButAlive, Muff Potter, Spic Acid und Pershing Boys nur melodischen Hard- und Emocore auf die Ohren. NoFX, BadTownBoys, Venerea, Adhesive, Propagandhi......(mein Gott ich hab nen ganzen Koffer mit dem Zeug). Nebenbei fand sich selbstverständlich immer die passende Musik zur Jahreszeit. Kein Winter verging ohne Kreuzzug ins Glück oder "klassische" Emotionskatalysatoren. Irgendwann kam dann die Zeit, zu der die Hosen (mit) reich und sexy starben, der Melodiccore mit dem Snowboardboom auch finanziell an Bedeutung gewann und Bands wie z.B. Millencolin anfingen tralala Dreck zu veröffenlichen um zu partizipieren. Es folgte eine Phase musikalischer Erfahrung ohne Cliquenorientierung und andere bindende Einflüsse. Development: Zwei Jahre folgten, in denen alles, was sich drehte und Klangwellen erzeugte den Input fand. Das meiste davon rollte sofort wieder durch den Output und hinterlies höchstens Inspiration. Eine Zeit voll Rock'n Roll, 70er, 80er, 90er, Disco, HipHop, Trance, House, in deren Anschluss ich noch viel verwirrter wurde. Vor allem die Soundtracks von ausgesuchten Filmen schaften einen umfangreichen Einblick in die verschiedenen Stiele, Kulturen und Künstlergehirne. So musste ich erkennen, das die musikalische Vielfalt erst ab Mitte der 90er mit den Auswüchsen der elektronischen Musik, wieder zunahm. Vor dieser Zeit war doch alles nur die Kopie einer Kopie einer Kopie (Fightclub). So wurden die letzen Jahrzehnte meiner persönlichen Einschätzung nach nur von wenigen Künstlern entscheidend geprägt, wie z.Bsp. David Bowie, Michael Jackson, Clash, Grandmaster Flash,... The Now: Nun endlich, selbst mein Ding als Artist gefunden, roll ich nun schon seit fast zwei Jahren mit HipHop. Dennoch sind die Inspirationen dafür eher anderen Orts zu finden. Der Disco und Vocalhousesound der 70er, to dance tracks von George Michael. Groovy und mit BEAT bidde. Doch wenn es kalt ist des Nachts und der eisige Wind an der Scheibe kratzt höre ich die dunklen Stimmen von the cure and depeche mode, während sich die Krähe auf einen mitternächtlichen Ausflug vorbereitet. Be inspired everytime and everywhere. Die Verflechtung der "herkömmlichen" Mucke mit den Innovationen der Elektronischen in den letzten Jahren, ist ebenfallse ein Thema. Musik ist Leben.
HULDIGUNG: DIE TOTEN HOSEN (OPELGANG BIS KAUFMICH); NoFX; PERSHING BOYS; CAT STEVENS; MUFF POTTER; TRACY CHAPMAN; BADTOWN BOYS; VANGELIS; DAVID BOWIE; GEORGE MICHAEL; KILLARMY; FK ALLSTARS; 5*DELUXE; TORCH

Musikalische Lebensgeschichten - Fundgruben und Leichenkeller
Valerian (18.01.2001)
Ein typisches Partygespräch unter Menschen, die sich noch nicht so gut kennen, dreht sich um Musik. Je nach Wichtigkeit, die der Musikgeschmack im eigenen Leben einnimmt, ist diese Thema bitterernst und so werden Anhänger derselben Band, deren Poster das eigene Zimmer ziert oder deren vollständige Discography die oberen Plätze im CD-Ständer einnimmt, schneller zu Repektspersonen und Menschen, die man gerne grüßt, als jene, die sich als Schundmusikhörer, Radiodudler oder Nichthörer entpuppen. Interessant ist dabei, welche individuelle Musikgeschichte diese neuen Bekannten zu z.B. Drum and Bass oder allgemein respektierten Bands, wie Tindersticks, Daft Punk oder Kruder+Dorfmeister geführt hat. Je nach Alter trifft man da auf einige Leichen im musikalischen Keller oder erinnert sich wehmütig an typische Bands der Jugend, deren Lieder man dann textsicher zusammen zu singen versucht. Ein Grinsen wert ist die Tatsache, daß viele Jungs meiner Generation fanatische Iron Maiden-Fans waren und zu jener Zeit Heavy-Metal-T-Shirts mit Aufschriften wie "Kill`em all", "Slaytanic Wehrmacht" oder "Live after death-Tour", -gerne gepaart mit martialischen Motiven, zur festen Garderobe auf den Schulhöfen gehörten. Groß war auch Anfang der 90` der Hang zur Gothic/Darkwave-Kultur; spitze Schuhe, schwarze Rüschen, Patchouli und der Hang zu düster-gewolltem, theatralischen Auftreten waren die Modesünden jener Zeit und man hörte seltsame Musik von Deine Lakeien, Goethes Erben und Das Ich. Meine ersten Discoerinnerungen sind geprägt vom einem seltsamen Musikmischmasch, indem David Bowie`s Stimme ("Groundcontrol to Major Tom..") in frühen Brit-Pop überging und die alten Helden Led Zeppelin noch jung und lebendig waren. Manche blieben auf dem Heavy-Film, andere nahmen den ecstasy-glitzernden Technozug und manche gingen völlig in der Name-dropping-Kultur des "Independent" auf. Plattenempfehlungen von Freunden, Umzüge in die Großstädte oder Erweckungserlebnisse bei zufälligen Discobesuchen brachten dann viele Altrocker zur elektronischen Musik. Aus Rockern wurden BigBeater, aus BigBeatern wurden Drumandbass-Headz. Technogören entdecken Nick Cave und Punker moshten zu Digital Hardcore. Technoverweigerer begannen zu produzieren und Folk-Hippies wurden zu Goa-Hippies. Oft lassen sich persönliche musikalische Traditionen verfolgen. Die frühern Wave-Elektroniker fanden neue Heimaten in hartem Techno, Bob Marley-Verehrer konnten sich den Beats und Bässen des Jungles nicht entziehen und die Altrocker fanden ihren Weg durch die Zeit von Black Sabbath über Metallica zu Korn und Monster Magnet. Dennoch sind auch viele musikalische Biographien von krassen Stilwechseln, Neuorientierungen und heimlichen Leidenschaften charakterisiert. Es ist manchmal wirklich köstlich, gemeinsame Helden von früher zu entdecken. Man singt New Model Army`s "Vagabonds", -erzählt, daß man zu The Cure früher echt traurig war und behauptet, Nirvana schon vor dem großen Hype gekannt zu haben. Vielleicht wirds mal Zeit, eine Heavyshirt-Revivalparty zu machen oder dem urbanen Elekroproduzenten das Geständniss zu entlocken, daß er auf Marushas "Somewhere over the rainbow" voll abgeravt ist.
Was ist Eure musikalische Geschichte ? Schreibt sie ins Datababes-Forum, -ich bin neugierig.