Montreal MUTEK  Weekend in Beograd
 Reise nach Novi Sad  
 Fear and loathing in Berlin  

EXIT Noise Summer Fest, 05.07-13.07.2002, Novi Sad, Serbia. Teil 1
Aurelius (07.08.2002)

Update 11. September:
Videofiles vom EXIT-Festival

(Achtung: es wird ein PlugIn für Quicktime Videos benötigt!)

1.) datababes Djs at work (4,38 MB)
2.) Die Örtlichkeit (638 KB)
3.) Die Main DJ Stage (1,44 MB)
4.) Die Reggae Stage (2,93 MB)
5.) Novi Sad am Sonntag morgen (4,20 MB)

18.07.02

Selbst drei Tage nach unserer Ankunft in Deutschland vibriert mein Inneres, durchdrungen vom Exit-Geist und ich versuche, die harte Landung in der heimatlichen Realität so gut es geht abzudämpfen. Was war das ?
Was ist passiert ? Es hagelt kollektive Verzauberung und Liebeserklärungen an ein geschundenes Land und an die wundervollen Menschen, die wir getroffen haben. Vielen Dank an Euch, ihr habt unsere Herzen erobert !!! Liebe Leser, falls ihr euch angewiedert von dieser harmonieheischenden Eröffnung abwendet und glaubt, da hat einer einen XTC-Peace and Love Film von monumentaler Länge am Laufen, dann muss ich Euch enttäuschen. Es war echt, so real, so fucking real und es war ein zweiwöchiger Magic-Ride, losgelöst vom normalen Sein. Es ist verdammt schwierig diesen bitgetriebenen Worten die Vitalität einzuhauchen, die Energie auch nur Ansatzweise mitzugeben, die uns kollektiv verzaubert hat.

Der Ort des Geschehens
(Foto: Karim Chugtai)
Die Theater-Bühne
(Foto: Bert Binnig)
Die Main DJ Stage
(Foto: Zachi)

Die Eckdaten:
Das Exit Noise Summer Fest fand zum zweiten Mal auf der Festung Petrovaradin in Novi Sad statt. An neun Tagen sollen circa 500.000 Besucher zugegen gewesen sein. Zwischen 40.000-80.000 Menschen tummelten sich auf einer Fläche von 400.000 Quadratmetern. Es gab fünf Musikbühnen (Main DJ Stage, Main Stage, Progressive DJ Stage, Afro Reggae Stage, Rock Stage). Dazu gabe es eine Theaterbühne und zwei Open-Air Kinos. Unzählige Cafes, Getränke, Fress-Stände und zu wenig Toiletten vervollständigten das Angebot.
Das komplette Programm, tagesweise aufgeschlüsselt.

Es ist schon ein Wunder an sich, das dieses Festival überhaupt stattfinden kann. Dieses kulturelle Grossereignis hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen, wie das ganze Land. Und trotzdem, mit viel Improvisation und persönlichem Einsatz, der die Kräfte der einzelenen überstiegen hat, hat dieses Fest stattgefunden. Bei unserem ersten Besuch im März (siehe "Reise nach Novi Sad - fünf Tage im Zielgebiet, Teil 1") haben wir das Organisationsteam des Exit-Festivals kennengelernt und eine Kooperation vereinbart. Die Jungens und Mädels (das darf ruhig gesagt werden, da das Durchschnittsalter der Organisatoren so um die 25 liegt, RESPEKT !!!) waren offen für uns und die "Reconaction" wurde aus der Taufe gehoben. Zum einen die Bauminstallation, zum anderen die Auftritte unserer datababes-DJs.

Ich war bei der Vorhut dabei, die schon am 1. Juli in Novi Sad eingetroffen ist, um die Bäume zu verhüllen, die interaktiven Elemente zu installieren und die Dates der Djs festzuklopfen. Fünf Tage vor Beginn war noch nichts fertig, keine Bühne, keine PA, keine Essstände, kein genauer Zeitplan. Mit serbischer Relaxtheit wurde das ganze vorangetrieben, ohne Hektik und mit einem riesen Chill-Faktor wurde dem 5. Juli, dem D-Day, entgegengearbeitet. Die Story unserer Baumverhüllung ist allein schon einen Artikel wert, den ich mir für später aufheben werde... Die wundersame Verzauberung begann für das Baumteam an der Reggae-Stage, die unser Zuhause für die nächsten zwei Wochen werden sollte. Shouts to da Jamaican Jukebox, you are wicked !!! One Stage, One Family, so formulierte es Reggae-Oldie Mad Professor, der uns mit seiner Anwesenheit und seiner Herzlichkeit beglückte (Zum Neidischmachen: Unsere bezaubernde Susi bekam ein ganzen Stapel Platten, die der verrückte Professor doppelt hatte, geschenkt). Die Soundsystems waren, wie wir, schon vorher da und stimmten sich schon mal ein Paar Tage vorher auf das Festival ein, mit Mengen an Gras, Bier und Vodka...und wir halfen kräftig mit an den Countdowntagen des Festivals, die Zeit zu verkürzen. Wohlgemerkt haben wir im Schweisse unseres Angesichts die Bäume zu dieser Zeit verhüllt. Die Reggaestage hatte sich schon gefunden, bevor der erste Ton des Festivals erklungen war. Da dürfen natürlich unsere zwei geliebten Eisverkäufer, Sancho und Pancho getauft, nicht fehlen, die uns am ersten Abend ständig irgendwoher neues Bier anschleppten und uns mit allem serbischen Schalk in den Augen die Geschichte der weltgrössten Eisvertilgungsperformance auftischten... 9 Tage 900 KG Eis, dass die beiden vor den Augen der Massen aufessen und an niemanden etwas verkaufen, soviel er auch bieten mag :-) Es war der Anbeginn einer gar wundersamen Freundschaft, die bei Cocktail- und Eissorten-Branding ihre ersten Höhepunkte erfuhr, um in rituellen Eisverkaufstänzen die körperliche Vollendung zu finden. Nicht zu vergessen, die freundliche Übernahme des Eisstandes durch unseren HerrBert, der von den potentiellen Kunden fremdsprachliche Kontaktaufnahme verlangte und fleissig Eis verkaufte... 3 Stunden regierte er den Eiscremestand, molim lepo, eh...
Es lauern noch einige Geschichten wartend an der Theke der "Ice Craem Stage", eine drängt gerade aus meinem Hirn in den Computer:


Backstage auf der Ice Cream Stage
(Foto: Someone)
Sancho, der Held der Ice Cream Stage
(Foto: Bert Binnig)
Ein Baum bei Nacht
(Foto: datababes digicam)

Die grosse Geschichte eines kleinen Liedes:
Es war einmal ein netter, junger Mann. War den Plattenspielern und den Klängen hoffnungslos anheimgefallen und konnte stets mit seinem Munde schwallen, lallen, brabbeln, reimen, dissen. Sein Körper wog sich wild im Rausch des Lebens, Ruhe ach, die suchte er vergebens. Seinen Frieden fand er im grünen Kraut, das stets die Seele streichelt und niemals feste haut. Und, oh weh, im Fernsehn ach, sang Ali G. ihn mit "Hail da punani" wach. Im Kopf und in seinem Herzen trug er das Lied den weiten Weg nach Novi Sad und hat es eilig seinen Freunden beibegracht. Diese tobten und lachten und machten sich ganz eilig an neue Worte, die dem Lied genügten und alle sehr vergnügten. Eilig ward es unterm Volk verstreut, besonders die Eiscreme-Crew machte darum sehr viel Geläut. Fortan schallte es aus dem Eisstand lange noch: "Hail da Punani" ... und Muschi heisst es immer noch.

Dem Leser wird sicher aufgefallen sein, dass hier alles andere als eine klare Erzählstruktur vorherrscht. Ich kann und will das ganze nicht in ein starres, korrekt geschriebenes Stück Journalismus verwandeln, denn es würde meinen ganzen letzten zwei erlebten Wochen widersprechen, etwas in einer so starren Form wiederzugeben. Es wird Sprünge, Unzusammenhängendes und Unverständliches (Siehe oben :-)) geben. Wen das nicht schreckt, der hat hofffentlich seinen Spass am Lesen. Es wird auch keine umfassenden musikalischen Rezensionen in diesem Artikel geben, ausser die der Kaos-Night, die von Valerian bei www.future-music.net erschienen ist und auf unserer Partyreview-Seite von Pedro geschrieben wurde. Nur die musikalischen Akts abzuhaken, Stimmungs-, Haltungs- und Erfolgsnoten zu vergeben, dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Die ganze Zeit von Stage zu Stage zu rennen und die Künstler dort oben zu beobachten, ist nicht das wesentliche an diesem Festival gewesen. Die Menschen ohne wichtige Ausweise und Funktionen waren das Wesentliche. Die Zwischentöne, das Zwischenmenschliche und die kleinen Ereignisse waren es, die für mich das ganze Festival und seinen Zauber ausmachten. Einer der magischen Orte des Festivals war eindeutig der Strand. Gegenüber der Festung Petrovaradin, auf dem anderen Ufer der Donau, lag das Zeltcamp und der Donau-Strand. Feinster Sandstrand, kilometerlang und idyllisch - zum Heulen schön. Dieser Strand war tagsüber das Chillgebiet der Besucher und Künstler. Dort spielte sich das Leben vor und nach dem Festival ab. Relaxte Live Musik, des öfteren ein Spontanset der Jamaican Jukebox und ein stets geöffneter Ausschank verliehen der Szenerie den optimalen Gediegenheitsfaktor. Genau an diesem Ort trug sich die nächste Geschichte zu.

6.00 Uhr Morgens am Strand
(Foto: datababes)
Freunde in der Früh...
(Foto: datababes)
Der Anbeginn des Tages
(Foto: datababes)

Die kleine Geschichte einer grossen Afterhour:
Es begaben sich ein Paar Belgrader Jungens zum Sommerparty-Höhepunkt nach Novi Sad. Sie trafen etwas verwundert auf einen Haufen Deutscher, die dort auflegen sollten und seltsame Installationen fabriziert hatten. Sie hörten und sahen, wie diese auflegten und fanden, dass das nocheinmal, abseits des Festivals geschehen sollte. Sie machten ihre Mobilnetzbetreiber glücklich und schickten ihre Kumpels nach Belgrad um Turntables und Mixer klarzumachen. Wild kommunizierend trieben Sie eine PA auf und bauten diese am Strand auf. Es war sechs Uhr morgens, die Sonne hatte ihr Haupt gerade über die Voivodina erhoben, da erschallte eine einsame Trillerpfeife über dem Camp, gefolgt vom Schlachtruf der Partytreiber: "Party am Strand, Party am Strand." Stimmen und Pfeiffen erhoben sich aus allen Himmelsrichtungen. Freudejauchzend vernahmen sie den Weckruf des Pan. Langsam füllte sich der Strand, während Jelena Atanackovic die Afterhour mit sanftem Elektro zum Leben erweckte. Die Musik und die Menschen flossen morgenwohlig dahin, als Valerian uns ein paar sonnenreife Stücke des NuBreaks in den Morgen streute. Das flirren in der Luft nahm zu, langsam ergriff eine unheimliche, gänsehauterzeugende Welle die Menschen, und mancher war durchdrungen bis ins tiefste Mark, das zu bersten drohte. Eddie aus Belgrad legte mit einem brettharten, brachialen Technoset los, der die tellergrossen Pupillen in einen ekstatischen Rausch stürzte. Es war der Sog, der alle erfasste. Weiter und weiter trieb dann Ivan mit seinem Set die Menschen. Gegen neun Uhr morgens füllte sich der Strand und die Partykurve zeigte weiter Steil nach oben. Anteloop schickte sich an, weitere Botschaften in den Tag zu senden. Erst einmal stoppte die Bewegung, denn der neue Sound musste sich erst drei Lieder lang in die Ohren bohren, um dann für drei Stunden die Körper und Seelen der Tanzenden zu beherrschen. Einmal Kosmos und zurück, bitte ! Am Ende standen die dreihundert Seelen da und schenkten Anteloop wohl einen unvergesslichen Morgen und einen flirrenden, warmen Schlussapplaus, der Stecker wurde gezogen, der Spuk war aus. Selbstredend waren zu diesem Zeitpunkt die Digicam-Speicherkarte voll und die Akkus der Videokamera leer, so dass dieser magische Moment undokumentiert blieb. Es sollte wohl so sein, dass es nur in der Erinnerung der Dabeigewesenen weiterlebt und nicht auf reproduzierbare Medien gebannt wurde.
Tausend Dank an Nicola und seine Crew für diesen unvergesslichen Morgen !!!

Im kleinen Baum gefangen
(Foto: Karim Chugtai)
Reggae Angel Susi
(Foto: Bert Binnig)
Der Arbeitsplatz der datababes-DJs
(Foto: datababes)

Da gab es noch "den anderen" Morgen. Es ist schon hell geworden, während die Party lief und so stiegt man herab von der Feste des Feierns und gelangte in eine langsam erwachende Stadt hinein. Die ersten Cafes öffneten, alte Männer lasen die Morgenzeitung auf den Bänken und Musik begann aus allen möglichen Ecken, aus den Cafes heraus, zu erschallen. Stille Häuserfronten zeigten in morgendlicher Klarheit ihre edlen, verratzten Fassaden und eröffneten ihren leicht morbiden Charme. Es ist heiss um diese Zeit und vielleicht langt es noch für zwei bis drei Stündchen Schlaf, bis die Macht der Sonne mich wieder auf die Strassen und in den Schatten eines Baumes treibt. The Place to be: Der Strand. Der perfekte Ort zum kiffen, reden und Leute kennenlernen. Die Offenheit und Ungezwungenheit waren unbeschreiblich. Es war so einfach ins Gespräch zu kommen, es lief wie von alleine. Auch die Tatsache, dass wir aus Deutschland auf dem Exit-Fest sind, tat der Kontaktaufnahme keinen Abbruch. Es wäre durchaus im Bereich des Möglichen gewesen, dass die Menschen uns, aufgrund der Ereignisse der letzten Jahre, nicht so wohlgesinnt begegnen. Das Gegenteil war der Fall, wir wurden sehr interessiert wahrgenommen und haben sehr warme und herzliche Menschen kennengelernt. Die Gastfreundschaft ist beeindruckend. Die kleinen Gesten im Umgang miteinander verstärken das Gefühl des Willkommenseins. Die Art des Umgangs macht bewußt, wie kalt und unbedacht der Umgang in nördlicheren Europa ist. Obwohl die meisten, die wir getroffen haben, weniger besitzen, als die meisten von uns, teilen Sie umsomaher mit anderen. Ob Bier, Kiffen oder Essen. Sie sind immer für den Bekanntenkreis verfügbar.

Der kleine Baum in der Nacht
(Foto: Zachi)
Am Morgen im kleinen Baum.
(Foto: Karim Chugtai)
Der Reggae-Altar
(Foto: Bert Binnig)

Mit von der Hitze gebotener Langsamkeit bewegten sich die Menschen durch den Tag. Mit vergnügsamen Ballspielen regenerierten sich die Festivalbesucher und machten sich für die nächste Nacht bereit. Tagsüber war die Stadt ein Backofen. Des Abends, wenn die orangene Sonne den Himmel von zartem Rosa bis zum dunklen, satten Blau vor ihrem endgültigen Verschwinden färbte, begann das Leben zu pulsieren. Die Strassen, Cafes und Restaurants füllten sich geräusch- und gesprächsvoll mit Menschen. Gleichzeitig begann der Strom der Exit-Jünger zur Festung, der bis in die tiefe Nacht andauerte. Über die Brücke strebten Sie in die von Verkaufsständen und Menschen schier berstenden Gassen Petrovaradins, um schliesslich den letzten Abschnitt, den Aufstieg zur Festung, zu bewältigen. Während des Treppenaufstiegs streckte die ansteckende Festivalstimmung ihre Tentakel aus, um mich für eine weitere Nacht zu umschlingen und zu verschlingen. Die Zeit verschwand und ich wurde durch die Nacht getragen, losgelöst, auf einer Festung, die genausogut auf einem Meteoriten durchs All saussen könnte. Die verschiedensten Musikstile, Leute, Gerüche und Stimmungen sind zu einem pulsierenden Geflecht an Erinnerungen geworden. Immer wieder war ich erstaunt, wenn sich wie aus dem Nichts der Anbeginn des Tages über die Nacht zu schieben begann. Aus der nächtlichen Umlaufbahn landeten die Menschen auf der Reggae-Stage. Chil Out Nummer 1. Die Topadresse für den morgendlichen Ausklang, bei ice-cream-stage-Cocktails und morgendlichem Grasgeflüster. Obwohl es kein Geflüster war, es war eher eine Tüten-Kakophonie...

DJ Valerian at work
(Foto: Karim Chugtai)
Anteloop at work
(Foto: Bert Binnig)
killerPOKE at work
(Foto: datababes)


Die Geschichte einer grossen Abschiedstüte
Darf ich vorstellen: Dada (= Serbisch für Vater). So wurde er zumindest genannt. Er ist von beachtlicher Statur, hat die vornehme Blässe eines Dauerkiffers im Gesicht und war hauptsächlich mit Tütenbauen beschäftigt. Nicht zuvergessen, hatte er einen grossen Behälter voller weißer Tabletten dabei, die er manchmal verkaufte, aber öfter noch verschenkte. Das bescherte ihm eine gewisse Popularität und einen hohen Wiedererkenungswert. Am letzten Morgen sammelten sich die nicht-gehen-wollenden zum letzten Gefecht, wie immer, an der Reggae-Stage. Und da war natürlich auch Dada. Der Menschenkreis um ihn Wuchs. Erstens, weil er wirklich viele Leute kannte und zweitens, weil er seine letzte rollende Grosstat vollbrachte: Ein Kolben von gut und gerne 36 cm Länge, der John Holmes unter den Tüten sozusagen :-) An dieser welcher saugten gut und gerne 20 Leute, während Roni Size und sein MC ein grandioses Dub-Set ablieferten, das der letzte grosse Glanzpunkt des Festivals war.

Am Ende stehen viele Geschichten und Ereignisse in der Erinnerung bereit, um in Worte gebannt zu werden. Doch das soll nun mein erster Schluuspunkt sein. Ich werde noch die volle Geschichte der Bauminstallation erzählen, was von den datababes noch folgen wird...könnt ihr bald an gleicher Stelle nachlesen.



Montreal - MUTEK - Ein "Reisebericht"
FEZ (10.06.2002)

Reise nach Novi Sad - fünf Tage im Zielgebiet, Teil 1
Aurelius (25.05.2002)

Was verbindet man als nicht grenzdebiler Westeuropäer mit Serbien ?
Unweigerlich steigen in mir medienformatierte Bilder eines verwüsteten Balkan auf. Grimmige Serben und vertriebene Albanerhorden, die leidvoll in die Objektive unserer Medien blicken. Mit was verbindet der geneigte Leser Novi Sad ?

Raketentreffer in einem Autobahntunnel Ausgeblutete Verkehrsader Renovierung in Petrovaradin

Wisst ihr noch, wie amerikanisch-klinische Zielaufnahmen die Zerstörung der Ölraffinerie Novi Sads zeigten, wie Donaubrücken als wichtige strategische Punkte der Zerstörung preisgegeben wurden? Durchzucken Euch noch die Bilder von Menschen-ansammlungen und Rockkonzerten auf ebensolchen Brücken ? Oder ist das im Rausch der 11. September-Bilder untergegangen ?
Auf jeden Fall muss ich zugeben, dass die Bilder, die Propaganda, wie auch immer so was bezeichnet wird, bei mir auch gesessen haben. Bei dem Wort Serbien assoziiere ich zuerst Milosevic, Kosovo und chirurgische militärische Operationen. Die Bilder sitzen nicht wirklich Tief und führen zu keinen Ressentiments, aber sie sind da und tauchen unweigerlich auf.

Stuttgart, 30.03.02, 16 .00 Uhr
Der Euroliner steht bereit uns nach Novi Sad zu transportieren. Wir, die Multitrimmer/Datababes-Crew, sind die einzigen "Deutschen", die den Bus besteigen und nachdem der Rest der Reisenden das gecheckt hat, erntet man den einen oder anderen neugierigen, aber keinesfalls unfreundlichen Blick. Seltsam, was wollen die nur "dort unten" ? Tja was wollen wir ? Kriegs- oder Betroffenheitstourismus ? Ich will mir ein Bild mit eigenen Augen machen vom ehemaligen Hort des Bösen, dem Aggressor des Balkans. Genauso undifferenziert, wie ich es im Moment ausdrücke, wurde uns ein undifferenziertes Bild "der Serben" geboten. Alles Kriegsverbrecher oder etwa nicht ?

Österreich, mitten in der Nacht.
Wir bewegen uns noch innerhalb des Schengener Abkommens, dennoch wird unser Bus mit Belgrader Kennzeichen auf der Autobahn von der Gendarmerie rausgewunken, Pässe eingesammelt und kontrolliert. Eine leise Ahnung was es bedeutet von der EU ausgegrenzt zu sein. Ein Hauch von Menschen zweiter Klasse weht mir entgegen. Oder Glaubt jemand ernsthaft, dass ein Bus mit deutschem Kennzeichen mitten in der Nacht in Österreich zum Anhalten gezwungen wird ?
Business as Usual. Wir sind die einzigen, die diese Reise zum ersten Mal mitmachen, die anderen Passagiere nehmen es mit stoischer Gelassenheit. Wir nähren uns der Grenze Ungarns und wie um alle Vorurteile zu bestätigen, wird um eine freiwillige "Spende" von drei Euro pro Person gebeten, sonst kann es am ungarischen Zoll schon mal drei bis vier Stunden dauern, bis es weitergehen kann. Gesagt getan, so kommen wir mit eineinhalb Stunden Wartezeit davon. Schlaf übermannt mich.

31.03.2002
Als ich das nächste mal aufwache, explodiert ein roter Feuerball in meinen Augen. Junge, ist das flach hier in Ungarn. Ebene soweit das Auge blickt. Feld um Feld und ein malerisches ost-romantik Dorf folgt dem anderen, alle versunken im sonntäglichen Morgenschlaf. So wenig Verkehr hier. Auf einen Deutschen wirkt das schon unheimlich. Da kann doch was nicht stimmen, so wenig Automobil...
Der Bus schlängelt sich über holprige Landstrassen Richtung Serbien. Da kommt die Grenze in Sicht. Wir werden aufgefordert einen Passierschein zu erwerben, für schlappe sieben Euro, von denen nur fünf auf der Quittung ausgewiesen werden. Tja wohin wohl der Hase läuft ? Geld regiert die Welt und auch die Einreise nach Serbien. Es sind alles keine Unsummen, aber Sie zeigen wo es lang geht. An dieser Stelle auch einen freundlichen Gruß nach Köln, falls jemand meint, er müsse sich über solche Bakschisch-Methoden erregen.
Endlich, nach insgesamt 24 Stunden auf Achse erreichen wir unser Ziel: Novi Sad, Hauptbahnhof. Noch bevor ich meinen Fuß auf den Boden der Stadt setzte, werde ich am Ausstieg des Busses von bettelnden Kindern empfangen. Im Hintergrund hält sich die scheinbare oder tatsächliche Mama und dirigiert das Bettlerensemble. Als wir so zu fünft mit unseren Rucksäcken am Busbahnhof stehen, ertönt ein Kampfschrei der Taxifahrer: Touristie - und schon sind wir umringt von einer Horde fahrbereiter Taxifahrer und servicewilliger Gepäckträger.

Nach 24 Stunden Reise Müder, aufgedrehter Morgen Werbung alter Zeiten

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man sich von dieser Warte aus betrachtet. Als Repräsentant des Wohlstands, umringt von Armut. Die EU bekommt auf einmal ein ganz anderes Gesicht. Eine Hoffnung und eine hohe Barriere zugleich. Dann werden wir von Milos, dem Chef der Agentur Hammer, abgeholt. Zu Hammer gibt es später noch ausführlichere Informationen.
Die ersten Eindrücke beginnen ob der Gastfreundlichkeit zu verblassen und strahlend steigt das andere Gesicht Serbiens, das wir nun zu sehen bekommen, auf. Wir empfangen Herzlichkeit und Wärme. Wir werden umsorgt und gepflegt, so dass sich bei mir fast ein schlechtes Gewissen einstellt. Nach einem ausgiebigsten Frühstück werden wir erst einmal in die Agentur Hammer verbracht, die unser zu Hause für die nächsten fünf Tage sein wird.
Um die Standards kurz abzuhandeln: Es macht definitiv kaum einen Unterschied, ob die Agentur in Novi Sad oder in Konstanz ihren Sitz hat. Equipment und Arbeitsweise unterscheiden sich marginal.
Sowieso zeigt sich, dass zumindest in den größeren Städten der Unterschied, kulturell und straßenbildlich nicht so groß ist, wie man glauben mag. Es ist hier alles noch ein wenig anders verpackt und es gibt wesentlich weniger Leute, die sich das Standardwarenprogramm leisten können, aber es ist alles da. Von McDonalds über Orbit-Kaugummis, bis zu Replay, Nike und Benetton-Stores und einer ebenso ausgeprägten Handykultur - es wird die ganze Palette der "zivilisierten" Welt abgedeckt.
Natürlich unterscheidet sich das Bild der Innenstadt Novi Sad schon wesentlich von anderen europäischen Städten. Der Verfall der Häuser und das Fehlen von Investitionen in die Bausubstanz machen sich bemerkbar. Novi Sads Innenstadt ist wunderschön. Die Architektur ist von der KuK-Monarchie geprägt. In gewisser Weise ist die Innenstadt wesentlich vielfältiger als die meisten deutschen Städte: Im Gegensatz zu den unsrigen ist die Stadt (noch) nicht Franchise- und Kettenregiert.

Novi Sad, irgendwo im Zentrum Auf dem Markt Einblick

Vieles wirkt noch improvisert, ein untrügliches Zeichen, dass der Schwarzmarkt verschwunden ist und sich die Ökonomie langsam erholt. Apropos: Die Stadt zeigt auch, daß es dem damals noch Jugoslawien genannten Land wirtschaftlich wesentlich besser ging. Besonders in den 70er/80er Jahren, was sich teils in einer grauenhaften Architektur niederschlägt. Genauso bezeichnend ist, daß es viele kleine Straßenstände gibt, deren Warenangbot Nüsse, Süßigkeiten, Topfreiniger und ähnliches umfasst. Straßenverkäufer, die Zigaretten verchecken gehören genauso zum Straßenbild. Vieles wirkt und ist improvisiert. Trotz all dieser positiven Zeichen ist nicht zu übersehen, dass in weiten Teilen des Landes bittere Armut und hohe Arbeitslosigkeit herrscht . Besonders augenfällig wird dies, wenn man durch die Dörfer der Vojvodina fährt.
Am Abend unseres Ankunfttages werden wir ins Nationaltheater von Novi Sad eingeladen. Es ist pickepackevoll und eine französische Performancegruppe zeigt einer der besten und begeisterndsten Performances, die ich persönlich je gesehen habe. Eine Kritik werde ich nicht bieten, da ich dazu nicht kompetent genug bin,aber es war fantastisch. Verschiedene Dinge sind mir ins Auge gestochen: Das Publikum war bunt gemischt, von jung bis alt, von chic bis alternativ und während der Aufführung konnte man den Kulturhunger der Menschen fast physisch spüren. Ein Schwamm, der begierig und dankbar das Dargebotene aufsaugt.
Generell scheint die Gemütslage ambivalent zu sein. Zum einen diejenigen, die sich ihre eigene Zukunft bauen wollen und eine spürbare, positive Kraft entfalten, was sich in einem großen, kreativen Output widerspiegelt, zum anderen der resignierte Teil der Bevölkerung, die darauf warten, das alles besser wird und ein Haufen desillusionierter Jugendlicher, die sich in den Drogenkonsum und die Lethargie des Nichtstuns fallen lassen. Ich habe während meines Aufenthaltes dort nur die erstere Kategorie kennengelernt und will mich in meinen weiteren Ausführungen auf diese Leute beschränken.
Allen ist eines gemein: Sie wollen die letzten zehn Jahre voller Krieg, polizeilicher Überwachung, Schwarzmarkt, Isolation und Stagnation des Milosevic-Regimes hinter sich lassen und leben, vor allem Leben. Denn die Vergangenheit bestand aus Flucht und verbergen vor der Armee, die gnadenlos rekrutierte und dem Bewusstsein ein geächtetes Land zu sein. Die immer noch vorhandenen Korruption liegt wie Blei auf der Wirtschaft und dem wiedererwecken eines gesunden Binnenmarktes.

Strassenverkauf Kekse, Kekse, Kekse Tante Emma in Serbien

Beeindruckend ist, in welcher Perfektion das Prinzip "eine Hand wäscht die andere" funktioniert. Es wird sich definitiv gegenseitig geholfen zu überleben. Selbst Menschen, die Arbeit haben, haben Probleme, sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Ein Beispiel ist S., der in einem Friseurladen arbeitet, dort der Chef vom Dienst ist und von Morgens zehn Uhr bis Abends um halb acht im Laden steht. Er ist Flüchtling und wohnt, trotz seines Fulltimejobs, immer noch im Etagenbett eines Flüchtlingsheims. Dann ist da noch G., der vollzeit in einer Werbeagentur arbeitet, dort fotografiert, Anzeigen gestaltet und Mädchen für alles ist. Er kann sich eine 25 qm Wohnung nur deshalb leisten, weil er von der Werbeagentur, zusätzlich zum regulären Gehalt, unterstützt wird. Wobei die Bezahlung dieser Werbeagentur für serbische Verhältnisse sehr gut ist. Allerdings muss er für die 25 Quadratmeter 75 Euro pro Monat abdrücken, was angesichts des Durchschnittslohns von 150 Euro ein echter Batzen ist. Und irgendwie schaffen es die Menschen zu wohnen, zu essen und zu leben und das ohne Verbitterung und ohne verhärmte Gesichter.
Das ist aber noch nicht alles. Es gibt Initiativen, die mich erstaunt und auch inspiriert haben. Wenn der Wille da ist, dann können auch Taten vollbracht werden. Diese Erkenntnis ist sicherlich nicht die frischeste unter der Sonne, aber wenn man plötzlich von diesem Willen erfasst und beeindruckt wird, wenn spürbar wird, was hinter diesen Worten steckt, dann läuft einem unwillkürlich ein Schauer über den Rücken und die sofortige Euphorisierung setzt mit aller Macht ein.
Das Projekt des Brückenaufbaus ist so etwas. Da haben sich Menschen aus Novi Sad zusammengefunden, um ein physische Zeichen zu setzen. Ein Konglomerat aus verschiedensten Leuten wollen mit privaten Mitteln eine neue Brücke über die Donau bauen, die "Bridge of Ideas". Diese Brücke soll eine Fußgängerbrücke werden und in der Mitte eine Galerie beherbergen. Ein Raum für Ideen, für Kunst und zur Begegnung von Kulturen. 6 Millionen Euro werden für den Bau der Brücke benötigt. Immerhin konnten in Serbien schon 2 Millionen Euro an Geldern gesammelt werden. Als Träger der Idee fungiert eine Band, die sich zwischen traditionellen und jazzigen Einflüssen bewegt - so etwas tritz widriger Lebensbedingungen durchzuziehen hat mich stark beeindruckt.

01.04.02
Das Konzert zum Bau der "Bridge of ideas": Ein Sammelsurium aus Profi- und Laienmusikern, Schauspielern und Unterstützern findet sich an diesem Abend im Nationaltheater von Novi Sad zusammen. Das Theater ist rappelvoll und das Interesse ist riesengroß. Die Brücken in Novi Sad haben eine sehr große Bedeutung für die Menschen, denn Sie sind Symbol der Kriege und der Baukunst. Die Menschen dort lieben ihre Brücken. Die Donaubrücken wurden bei den Natobombardements nicht das erste Mal zerstört. Das war nur das vorläufig Letztemal in einer langen Geschichte. Allein in diesem Jahrhundert wurden Sie dreimal zerstört: 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg und die Natobombardierung. Die letzte Zerstörung hat die Menschen besonders getroffen, da Novi Sad zur Zeit der Bombardierung schon von der Opposition regiert wurde und ein Hort des Widerstandes gegen Milosevic war. Inklusive einem gut funktionierenden Mediennetzwerk aus Radio- und Fernsehstationen, Werbeagenturen, Bürgerbewegungen und Künstlern. Die hat es doppelt getroffen, als die Brücken zerstört wurden. Die Menschen fragten sich, warum sie, die sich auf der gleichen Seite, auf der Seite Milosovic-Gegner befanden, von der NATO angegriffen wurden, wo doch das Ziel das gleiche war: Der Sturz von Milosevic. Die Brücken sind keine Ziele gewesen, die die militärische Infrastruktur geschwächt haben. Die Raffinerie in Novi Sad war ein ebensolches fragwürdiges Ziel. Die Zerstörung hatte keinerlei Auswirkung auf das Militär, lediglich die Zivilbevölkerung litt unter der Verknappung des Rohstoffs Benzin.
Die Zerstörung der Brücken hat Ungarn auf lange Sicht viel mehr geschadet: Nun liegen Trümmer in der Donau und es gibt eine Pontonbrücke, die die Schifffahrt erschwert. Sie wird dreimal in der Woche geöffnet, um den Warenstrom von und nach Ungarn einigermassen zu gewährleisten. Es wurde also ein unbeteiligtes Drittland in Mitleidenschaft gezogen. Ich möchte hier keinen politischen Diskurs vom Zaun brechen, sondern lediglich die Konsequenzen Videospielästhetik-geprägter Bilder verdeutlichen. Der Anblick der zerstörten Brücken war für mich wie ein 3000 m Zoom von der gefilterten Bordkamera eines Bombers auf den Boden der Tatsachen. Es ist ein seltsames Gefühl gezeigt zu bekommen, wo und wie genau die Cruise Missiles einschlugen und was Sie angerichtet haben und wie die Menschen damit umgehen gelernt haben.

Benefizkonzert für den Brückenbau Strasse in Petrovaradin In der Festung

Wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie die Pressekonferenzen der NATO abliefen und von oben die brennende Raffinerie gezeigt wurde und welche militärischen Kommentare dazu folgten, und ich mich dann genau an diesem Ort befinde und die "normalen" Menschen dort kennenlerne, beschleicht mich ein herzabschnürendes Gefühl. Besonders dann, wenn ich an die Kommentare meiner Mitmenschen zu dieser Zeit denke. So frei nach dem Motto: Jetzt wird es aber auch Zeit "den Serben" eins auf den Deckel zugeben usw. Wirklich prima gemacht ! Milosevic hat das Natobombardement nicht im geringsten geschwächt, im Gegenteil, es hat ihm Sympatien verschafft, denn Serbien wurde schliesslich angegriffen. Nicht nur im Kosovo, wo es unter Umständen gerechtfertigt gewesen wäre, nein Belgrad und Novi Sad wurden angegriffen. Ich zweifle an jeder Sinnhaftigkeit dieser Aktionen. Wie überhaupt das Dasein in einem Land, das international verrufen ist, einem bewusst macht, wie sehr die Menschen, die dort Leben, von so etwas getroffen werden. Zu hören, wie ihnen im Ausland begegnet wird, sobald heraus ist, dass er oder sie Serbe ist und wie sofort die Falle der Vorurteile zuschnappt und Menschen unter Rechtfertigungszwang geraten. Es ist eine traurige Geschichte und ein Lehrstück über die Macht der medialen Wahrnehmung.

Soweit Teil 1 meines Berichtes. Im zweiten Teil werde ich von Begegnungen mit interessanten Lebensläufen und dem Exit Festival in Novi Sad erzählen. Der Entstehungsgeschichte des Festivals und wie datababes dieses Jahr involviert sein werden. Und über nette Grenzbegegnungen gibt es auch noch was zu erzählen!

to be continued...


Fear and loathing in Berlin - eine knappe Woche mit Pathfinder in der Hauptstadt
killerPOKE (30.09.2001)

Glücklicherweise hatte ich nach der Popkomm noch zusätzlich die Gelegenheit mit TJ Hookah und Konsorten vom Pathfinder Label für eine knappe Woche in unserer Bundeshauptstadt abzustürzen. Dabei lag mein Schwerpunkt weniger auf den gängigen touristischen Sights, sondern stand ganz im Zeichen des Drum'n'Bass und des Hiphops.
Zu meiner Schande muß ich ja gestehen, daß dies mein erster Aufenthalt überhaupt dort war, dementsprechend muss ich mich hier durch meine Begeisterung für die Stadt als absoluter Frischling outen. Ein minutiöser Reisebericht wäre dann wohl ähnlich langweilig wie auch stellenweise sehr indiskret, deswegen hier eine komprimierte alphabetische Zusammenstellung von A-Z der Schlagworte und Trends, denen ich mit meinem Aussenteam begegnet bin und die für Daheimgebliebene und zukünftige Reisende interessant sein könnten:


Absinth
Das Literaten-Gesöff, auch als Wermut bekannt, ist in Deutschland wieder legal und in Berlin im Absinth Depot und in immer mehr Cafés und Kneipen erhältlich. Wie erfolgreich die Plazierung in den Schnapsregalen der Szene-Treffs sein wird, wird sich wohl noch zeigen. Im Selbstversuch bekam der Alkoholrausch durchaus eine andere Note als gewöhnlich, aber zugegeben, eine sehr objektive Studie war das nicht. Jedenfalls ist Absinth für die Wirkung schon ziemlich teuer und schmeckt wie Pernod, was ja nun nicht jedermanns Sache ist. Der psychoaktive Wirkstoffgehalt im legalen Wermut liegt übrigens bei einem Fünftel dessen, was früher üblich war. Probieren lohnt sich schon, aber es ist halt eher was für Anis-Fans. Versandhandel unter: http://www.absinth-depot.de

Drum'n'Bass
Freunde des Drum'n'Bass werden in Berlin täglich fündig. Ob die chillige Live Jazz Variante im Acud oder mit edlen live Vocals in gediegener Umgebung im Kurvenstar oder eben derbe Parties im WMF, Icon oder im Roten Salon: irgendwo scheint immer was zu gehen.
Vom Publikum her hat mir das Icon jedoch noch am meisten zugesagt, was vielleicht daran liegen mag, daß dort auch Hiphop-Events stattfinden und somit mehr Baseballkappen als Hornbrillen anwesend sind - falls mir da jemand folgen kann...
Im WMF stößt man nämlich bei scheinbar zuviel Enthusiasmus, Lärm und Gruppendynamik auf doch skeptische Blicke von seiten der Hüter des trockenen Avantgarde-Studenten-Drum'n'Bass, was uns dann doch nicht davon abgehalten hat, weiter rumzusteppen und ein Jungle-Revival zu zelebrieren. Köln-Bonn und Pathfinder waren zu dem Zeitpunkt so und so nicht mehr zurechnungsfähig...

Freaks
Für mich persönlich hat die Freak-Quote Berlins Köln von der Nummer 1 der Freaktowns verdrängt. Grüße gehen an dieser Stelle raus an Krypto, Marshmellow from Lettavia und natürlich auch an Taifun den Cola-König von Wedding: Ihr seid alle wirklich absolut total kaputt, aber selten so gelacht!

Hiphop
Hiphop ist im Berliner Stadtbild allgegenwärtig, nicht nur durch die B-Boys, die ihre Touri-Show an der Gedächtniskirche abliefern. Gerade die Legionen von Writern, die überall ihre Spuren hinterlassen, verleihen dem Prenzlauer Berg und Mitte eine sehr eigene Ästhetik, die manchmal schon fast klischeehaft an US-Großstädte erinnert, um dann doch wieder irgendwie plötzlich extrem europäisch zu wirken. Sehr nett anzusehen!
Auch mein erstes polnisches Piece, daß ich an einem S-Bahnhof auf einem durchfahrenden Zug gen Osten gesehen habe, war ein bemerkenswertes Erlebnis. Generell reicht eine einzige Fahrt mit der S-Bahn zwischen Zoo und Alex schon aus, um sich eine Eindruck von der Qualität und Quantität der Berliner Graffitis zu machen. Vielleicht versuchen sich aber insgesamt etwas zu viele Crews, denn es gibt auch einen Haufen mieser Tags und Styles zu sehen, die ziemlich planlos anmuten.
Besonders beeindruckend sind wiederum die riesigen Rooftops in der Stadt, besonders in der Nähe Rosa-Luxemburg-Platz und Alexanderplatz und sogar auf(!) der Volksbühne höchstselbst.
Im Gespräch mit einigen Malern habe ich dann den Tipp zur Hall of Fame im Mauerpark erhalten: der abschüssige Hang am Rande des Stadions in der Nähe der U-Bahnhaltestelle Eberswalder Str war am Sonntagnachmittag so etwas wie ein kollektiver Hiphop-Freizeitpark. In dem versifften Areal tummelten sich an die 200-300 Heads um in der Sonne zu malen, viel zu dampfen, Körbe zu werfen, zu freestylen oder einfach nur zu chillen. Fast schon eine unwirkliche, friedliche Idylle. Nett auch die dicken Schaukeln, die zum Downhill-Weitsprung einladen. Das Ganze wird gekrönt von einer Mauer, auf der auf ca. 300 Metern ein Piece nach dem anderen prangt. Das hat Atmosphäre...

Law & Order
Auch Berlin ist von übereifrigen Ordnungs- und Gesetzeshütern nicht sicher. Zur Zeit läuft sogar eine Großoffensive, die selbst die kleineren Sünden im Clubleben und im Alltag deutlich ahndet. Selbst Ureinwohner klagen über die aktuelle Welle der Biederkeit und ziehen eine Linie von dem Verbot der Hateparade und dem massiven Polizeieinsatz zur dessen Durchsetzung bis hinzu Razzien und Behinderungen in den Zentren und Clubs der Subkulturen.
Verdächtig ist die dann doch trotzdem immer noch grundsätzlich positive Einstellung gegenüber der Loveparade, die leicht mit den kommerziellen Interessen der abgebrannten Stadt erklärt werden kann.
Die neue Sicherheitswelle wird wohl vor allem mit den anstehenden Wahlen zusammenhängen. Dennoch formiert sich langsam starker Widerstand, sowohl in Form von Aktionen, als auch in Veröffentlichungen und Liedtexten.
Wahrscheinlich sind es dann aber doch wieder die Wahlergebnisse, die dem Spuk ein Ende bereiten, anstatt eine der zahllosen Protestbewegungen in der Hauptstadt.

Raggabreaks
Hinter der - durch die Veröffentlichung in der Spex nun amtlichen - Bezeichnung "Raggabreaks" verbirgt sich ein Molotow-Cocktail bekannter Stilrichtungen, der in meinen Augen das Zeug dazu hat, in den nächsten Monaten und Jahren extrem zu boomen. Zentrum ist wohl bisher Berlin. Bei Rockateer (siehe unten) konnte ich seine zusammen mit seinem MC Bomsh für das Label Respectortolerate produzierte CD hören, die für mich ein echter musikalischer Lichtblick und die logische Konsequenz aus der heutigen Danchehall, Hiphop und Drum'n'Bass Szene ist:
das Projekt namens "Da Kee" liefert tighte deutschsprachige Raggaflows à la Seeed, textlich zwischen Cunnilingus, Positivität und uprighter Rebellion gegen das System, das Ganze hübsch angerichtet über verzerrten harten Oldschool und Jungle Breaks, die tempomäßig, aber nicht wirkungsmäßig etwas entschäft sind. Etwas langsamer als der gute alte Jungle, aber mindestens so heftig.
Leider würde ich ja gerne eine detaillierte Review der CD liefern, dummerweise habe ich aber die falsche CD mitgegeben gekriegt, auf der sich zwar gute, aber andere, wohl bisher unveröffentlichte Tracks befinden.
Dumm gelaufen! Respectortolerate: http://www.r-o-t.de

Rockateer
Der gesprächige DJ und Produzent führte uns bei ihm zu Hause ein paar neue Tracks vor und plauderte aus dem Nähkästchen. Neben "Da Kee" und "STRAFFEKollegen" (s.u.) spielte er uns noch seine neue Produktion "Physical" vor, die angeblich als letzte Singleveröffentlichung vom Position Chrome Label mit Remixes von Panacea erscheinen soll. Danach will sich Position Chrome anscheinend nur noch mit Alben und E.P.s beschäftigen.
Auf jeden Fall ein guter Track ganz im Stile der Oldschool: Ravesamples, stellenweise straighte Bassdrum, nett-kitschige Vocals und brutale Breaks. Mal sehen was an der Geschichte mit Position Chrome wirklich dran ist...

Roter Salon
Bin zwar nun nicht unbedingt das Landei schlechthin, aber so kommt man sich dann doch vor, wenn man in Erwartung eines relaxten, loungigen Montag(!)-Abends in den Roten Salon neben der Volksbühne geht, um dort eine massive Drum'n'Bass Party zu erleben, bei der sicherlich bis zu 120 Leute feiern, als ob es kein morgen mehr gäbe. Der Hammer! Die Party hätte manchen meiner guten Wochenendclubabende im Douala oder im ARTheater Konkurrenz machen können und das ganze ist ein Regular am Montag. Hingehen!

STRAFFEKollegen
Gab es bisher wenig Berliner Hiphop, der mich vorbehaltlos überzeugen konnte, könnte diese Crew das ändern. Bei Rockateer konnte ich in ein paar Tracks der wohl bald auf Respectortolerate erscheinenden Jungs reinhören und was ich so auf die Schnelle hörte, war sehr überzeugend. Ein krasser Unterschied zum bekannten "Berlin fickt Euch in den Arsch"-Style von M.O.R. oder G.B.Z. Vermutlich sind die Kollegen noch zu frisch, für Infos auf der Website, dennoch ruhig mal immer wieder kucken:
Respectortolerate: http://www.r-o-t.de.
Nachtrag: Es gibt jetzt eine neue Website von STRAFFEKollegen auf http://www.straffekollegen.de.vu.


Weekend in Beograde
HerrBert (19.12.2000)

Hello, my name is bert and I live in Konstanz Germoney - like most of the Datababes. I study Comunication Design at FH Konstanz and this is the reason, why I traveled to Novi Sad/Yugoslavia to make a practical at the advertising agency Hammer Creative. The true reason was that I met Milos Jovanovic - the owner of Hammer - when he had an exhibition in march 2000 at the Kulturzentrum Konstanz. The exhibition is called Windows 99 and shows pictures that are taken during the bombardement of Novi Sad/Yugoslavia mixed with real advertising campagnes for example Coca Cola ore Good Year, in this case it was not such a good year. When I visited this exhibition I felt big respect for these people that work out an exhibition, while they get bombed, and I decided to get to know them. After the presentation I asked Milos, and we spoke a few minutes about making my practical at hammer, and we both knew that it would work.

This is the story of how I came to Novi Sad, to live and work there for three months and I think this was really the best that could happen to me. When I came to Yugoslavia I knew nearly nothing about the country and the people living there. It was nearly impossible to get real information about it because of the embargo. People that live there must be completely evil if you believe in what you can read and hear in the media. This seemed to get interesting.

When I arrived in Novi Sad the surprise was perfect, because people are quite normal like you and me, they know how to have fun and it is nearly the same fun as in Germany, the difference is, that these people can't travel and that most of them live on a low budget. This is not their fault, it is the result of more than ten years of bad politic and dirty games, war and isolation. Fuck Milosevic and his SPS, shame on you Joschka Fischer you bloody bastard! Another difference is that I met so many openminded and nice people, that welcomed me spontaneous. It is a shame when you think about how strangers are treated in germoney, in many cases.

I didn't know before that I should be a witness of the revolution in Jugoslavia, too. But when it happened I enjoyed it and I took the chance to take pictures and to be a part of it. This is the background of the pictures that you can see here. All of them were taken in Beograde one day after the so called "Baggerrevolution" on 05.10.2000. During the 05.10.2000 I was in Novi Sad 100 km from Beograde "working" with my friends at Hammer and it was a very hard day for all of us. We trieed the whole day long to get information about what was really happening, but it wasn't so easy because of having no electicity in most parts of town. We only knew that there were one million people doing the job and that police started a massive gas attack around parliament. We knew that there were some things burning and that there were tanks on the way to Beograde. So you can imagine that there have been some hours of real pressure because no one of us could knew that it will be over so fast, and I still think that it was more than good luck that this day was not the beginning of another war. But you also can imagine how good the feeling was, when we got the information that the job was done, that the police and military changed the sides, that Milosevic is finaly gone, at nigth there started a celebration with more than 50000 people on the main square of Novi Sad. The feeling was incredible, because people and me too realized that the danger was over and that the country is free after more than 10 years of blood and shit. Fear and agression of the last weeks dropped down and we could breath free and got pritty drunk. Next day GG (friend of mine) and me took a bus to Beograde to see it with our own eyes and to visit another party with more than 1 000 000 people on the streets of Beograd, in the middle of burned cop cars, an completely destroyed state television - that broadcasted propaganda until it was set on fire - and a parliamentbuilding that was still smoking. People around were smiling and celebrating and the whole city was yelling from thousends of whistles, that have been used during the protests against the regime. But on these day we celebrated our victory over dictatorship and it was anarchy without cops and without rules but there was no more agression and I think that you can forget the "chaosdays" and you can smile at the loveparade if you once visited a party like this. So this is how I took the pictures that you can see here, and many more. I decidet to write these text in (tarzan) English, - I know that my English is not that perfect, sorry about, - to keep contact with my friends in Yugoslavia and to give them the possibility to read what I write about them and to make this page international. I also think that datababes is a good chance to get contact with yugoslavian people and other nice people around the world and that it might be interesting for you to visit the following adresses in Yugoslavia, to check out cool stuff , to get to know real cool people with crazy and nice projects, there are more than you can imagine if you take your informations only out of massmedia. Fuck any kind of propaganda!!! Think about it.

Websites in Yugoslavia:
http://www.hammer.co.yu
A section of this page, I recommend to all readers: http://www.hammer.co.yu/design/win99.htm